KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

Stellungnahme der Herausgeber zu unserer Zeitschrift »KlassenFragen«

Wir verstehen es als Anspruch an unsere Zeitschrift »KlassenFragen«, einen Beitrag zu leisten für die kollektive Diskussion von kontroversen Antworten und Positionen im gemeinsamen Kampf unserer Partei. Unser Projekt beruht auf folgenden Einsichten:

  1. Es gibt Fragen, die innerhalb der kommunistischen Bewegung kontrovers diskutiert werden.
  2. Dies sind Fragen mit Relevanz für das Selbstverständnis der kommunistischen Partei, mit Relevanz für das Verständnis ihrer Aufgabe und Relevanz für unsere gemeinsame politische Praxis.
  3. Die kommunistische Partei kann und muss der Ort realer Vermittlung von Theorie und Praxis sein, weil (und insofern) in ihr die vielfältigen Erfahrungen und daraus entwickelten Positionen der Genossinnen und Genossen zu einem kollektiven Handeln aus gemeinsamer Einsicht verarbeitet werden. Ein Prozess, der sich nicht dadurch ersetzen lässt, dass vermeintliche oder auch tatsächliche Einsichten lediglich passiv als vorgegeben übernommen werden.

Es wäre abwegig, so zu tun, als gäbe es innerhalb der kommunistischen Bewegung keine strittigen Fragen. Solche bestehen auch in der DKP. In einem Brief an die Parteiführung haben wir daher unseren Eindruck formuliert, „dass in Referaten und Beiträgen der Parteiführung –

  • ein Imperialismusverständnis vermittelt wird, bei dem der Imperialismus nicht mehr bestimmt wird als das System von Herrschaft im Inneren und nach Außen, welches aus dem Übergang des Kapitalismus zum Monopolkapitalismus erwächst, sondern stattdessen als Inhalt des Imperialismusbegriffs alleine auf das aggressive Dominanzverhalten der G7-Staaten verwiesen wird;
  • ein Sozialismusverständnis vertreten wird, bei dem das Wirken des Marktes und des Profitprinzips als grundsätzlich vereinbar mit dem Sozialismus und als Vorteil gegenüber einer Planwirtschaft erklärt werden. Wir halten jedoch die Überwindung der allein durch den Markt vermittelten kapitalistischen Vergesellschaftung der Arbeit durch die bewusste – und das heißt geplante – Organisation dieser Verhältnisse für das konstitutive Merkmal des Sozialismus. (Was nicht ausschließt, dass zeitweilige, vorübergehende Rückgriffe auf Marktprinzipien vorkommen können. Dies sind dann aber durch besondere Lagen bedingte Maßnahmen, die im Sozialismus als Fremdkörper wirken und eben nicht prinzipiell vereinbar mit diesem Gesellschaftssystem sind. Nicht der Markt, sondern die bewusste sozialistische Vergesellschaftung der Menschen hebt die Schranke auf, die der Kapitalismus der weiteren Entwicklung der Produktivkräfte entgegenstellt.)
  • mit der Orientierung auf eine „Regierung des Friedens“ der Arbeiterklasse die Illusion vermittelt wird, eine andere Regierung – und nicht erst die revolutionäre Aufhebung des imperialistischen Klassenstaats – wären in der Lage, „eine friedliche Perspektive Deutschlands und eine grundlegende Demokratisierung der Gesellschaft“ zu ermöglichen. Wir befürchten, dass sich hier ein Staatsverständnis einschleicht, mit dem die Arbeiter- und Friedensbewegung desorientiert würde und das sich mit der Theorietradition des Marxismus nicht verträgt. Damit verbunden taucht auch eine Verschiebung des primären Austragungsortes und des Fokus unseres Kampfes auf: Hin zu einem anderen Regierungshandeln und weg vom Handeln der Klassen. Wir stellen uns die Frage, welche Gründe es gibt, anzunehmen, dass Klassenkämpfe weniger Bedeutung haben als in der Vergangenheit und warum wir in unseren Dokumenten vorrangig über Regierungshandeln sprechen.“1

Dass es innerhalb der kommunistischen Partei Diskussionen gibt, dass Kritik (und Selbstkritik!) geäußert wird, stellt keinen Mangel im Leben der Partei dar, sondern ist Ausdruck ihres Charakters als Partei des wissenschaftlichen Sozialismus. Hans Heinz Holz formulierte 1991:

„Ist der Marxismus die Widerspiegelung der tatsächlichen Widersprüche und Tendenzen des aktuellen historischen Prozesses, so bedeutet das auch, dass er in unterschiedlichen Positionen entwickelt wird und sich auf verschiedenen Niveaus von Erfahrungen systematisiert. Dabei können Diskrepanzen zwischen theoretisch fortgeschrittenen Positionen und einem noch zurückgebliebenen Bewusstseinsstand auftreten, die selbst ein Moment des Weitertreibens von Erkenntnis in offener Diskussion sind.“2

Wir halten diese offene Diskussion auf gemeinsamer weltanschaulicher Grundlage für unverzichtbar und alternativlos. Eine Partei, in der dies nicht mehr gelebt wird, gibt einen zentralen Moment ihres Charakters auf, kommunistische Partei zu sein. Die Diskussionen stehen auch nicht dem einheitlichen Handeln der Partei entgegen und der notwendigen Disziplin, die in der Partei beschlossene Praxis gemeinsam umzusetzen. Im Gegenteil sind sie das wichtigste Mittel, das gemeinsame Handeln zu bewirken.

Was Hans Heinz Holz die „Widerspiegelung der tatsächlichen Widersprüche und Tendenzen des aktuellen historischen Prozesses“ nennt, bestimmt den Kern unserer Theorie. Ihr Verhältnis zur Wirklichkeit ist nicht bloß anschauend, sondern notwendigerweise eingreifend. Damit die Genossinnen und Genossen nicht bloß Zuschauer, sondern Teilnehmer der historischen Entwicklung sind, können sie nicht einfach eine vorgegebene Theorie aufgreifen (das wäre Dogmatismus), sondern müssen an deren Erarbeitung mit ihren eigenen Erfahrungen und Positionen teilhaben. In unserem Brief zitieren wir aus »Kommunisten heute« von H.H.Holz, die Partei könne

„ihr Konzept aber nicht als vorgegeben übernehmen, auch nicht von ihrer Parteiführung dekretieren lassen, sondern muss es aufgrund theoretisch sauberer Analysen in ihren eigenen Reihen erarbeiten und dauernd überprüfen. Sie muss selbst zum Ort werden, an dem aus politischem Handeln theoretische Reflexion hervorgeht, die wieder in politisches Handeln übergeht.“3

Wir sehen es nicht nur als unser Recht, „einzeln oder in Verbindung mit anderen Mitgliedern politische Positionen, Kritik und Vorschläge zu entwickeln“4, sondern wir verstehen es als unsere Pflicht – wie auch die Pflicht jeder anderen Genossin und jedes anderen Genossen – uns in die Diskussionen in der Partei einzubringen. In diesem Sinn legen wir hier das Heft #2 unserer »KlassenFragen« vor.

Arbeitskreis KlassenFragen
Jan Meier · Jürgen Lloyd · Lucas Zeise · Maxi Meyer

1 Brief an den Parteivorstand vom 8.9.2026. Der Brief ist dokumentiert auf unserer Webseite.
2 These 5.3.1.1 in Hans Heinz Holz: »Thesen über die Zukunft des Marxismus«, wiedergegeben in Domenico Losurdo (Hrsg.): Zukunft des Marxismus, Köln, 1995
3 Hans Heinz Holz: Kommunisten heute, Essen, 1995, S.19
4 Statut der DKP, Artikel 2