KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

Konträre Konzepte: Markt vs. Plan

Von Jürgen Lloyd

Die Frage danach, wie sich die Steuerung einer Ökonomie gemäß einer gesellschaftlichen Planung zu den „mit unsichtbarer Hand“ sich durchsetzenden Wirkungen einer Marktwirtschaft verhält, ist umstritten. Unterschiedliche Antworten hierauf schlagen sich nicht zuletzt auch in gegensätzlichen Positionen nieder, was denn den Charakter der sozialistischen Gesellschaftsformation auszeichnet. Wenn im Titel Markt und Plan als konträre Konzepte benannt werden, deutet das auf die hier vertretene Position bereits hin. Deren Hintergrund sei – da Transparenz bei kontroversen Debatten hilfreich ist – kurz skizziert.

Die politische Ökonomie handelt von der Art und Weise, wie die gesellschaftliche Produktion reguliert ist. Wird der Zusammenhang der individuellen Produktionstätigkeiten zueinander und mit den Bedürfnissen anderer Individuen und der ganzen Gesellschaft über den Markt organisiert, oder wird er planmäßig gesteuert?

Engels formuliert das Folgende zur Konsequenz, welche aus der Produktion von Waren – also der Produkte von Privatindividuen für den Austausch am Markt – für die Gesellschaft hervorgeht:

„Aber jede auf Warenproduktion beruhende Gesellschaft hat das Eigentümliche, daß in ihr die Produzenten die Herrschaft über ihre eignen gesellschaftlichen Beziehungen verloren haben.“1

Das betrifft das eigentliche Thema und die zentrale Frage der Beschäftigung von Marx und Engels mit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen: Welchen Charakter haben die Beziehungen der Menschen, die sie in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens notwendig eingehen? Welche Form erhält die Vergesellschaftung der Menschen?

Kommunistinnen und Kommunisten kann es nicht darum gehen, eine Idealvorstellung von Gesellschaft zu entwerfen und die Wirklichkeit dann nach diesem Bild zu beurteilen. Sie können aber ebenso wenig die von Marx und Engels untersuchten Gesetzmäßigkeiten des historischen Materialismus über den Charakter einer Gesellschaftsformation ignorieren.

Engels charakterisiert die Gesellschaftsformation, in der das Proletariat die öffentliche Gewalt ergriffen hat und kraft dieser Gewalt die gesellschaftlichen Produktionsmittel in öffentliches Eigentum verwandelt hat – also den Sozialismus:

„Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum ersten Male bewusste, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden.“2

Das für jede marxistische Analyse grundlegende Verständnis vom politischen/ ideologischen/ kulturellen/ juristischen Überbau, der sich über der Basis der Produktionsverhältnisse erhebt, ist hier von Bedeutung: Die Basis – das ist die Gesamtheit der Verhältnisse, die die Menschen miteinander in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens eingehen3. Im Produktionsprozess – im Stoffwechsel mit der Natur, der nur in der bürgerlichen Ideologie von isolierten Individuen, in Wirklichkeit aber stets auf gesellschaftlicher Grundlage vollzogen wird – bilden sich die gesellschaftlichen Beziehungen. Bei dieser von Marx ergründeten Basis geht es exakt darum, wie die individuellen Produktionstätigkeiten zueinander und mit den Bedürfnissen anderer Individuen und der ganzen Gesellschaft vermittelt werden.

Ob dies durch einen bewussten Plan bewirkt wird, oder ob es den Mechanismen des Marktes überlassen wird, ist demnach keineswegs eine Frage eines beliebig austauschbaren und nach Praktikabilitätserwägungen zu wählenden Instruments, sondern bestimmendes Charakteristikum der Gesellschaftsformation. Die erste Position – dass der Markt lediglich ein für die Gesellschaftsformation irrelevantes Instrument sei – findet sich jedoch bei Deng Xiaoping:

„Ob wir etwas mehr Plan oder Markt haben, ist kein grundlegender Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Planwirtschaft ist nicht gleichbedeutend mit Sozialismus. Im Kapitalismus gibt es auch Planung, Marktwirtschaft ist nicht gleichbedeutend mit Kapitalismus, denn im Sozialismus gibt es auch Märkte. Plan und Markt sind beides wirtschaftliche Instrumente.“4

Zur Frage, ob Markt und Plan koexistieren können, schrieb Helmut Dunkhase 2013:

„Markt und Plan sind logisch unvereinbar. Zum Markt gehören untrennbar unabhängig, privat voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang durch den Tausch gestiftet wird. Der Tausch ist verbunden mit einem Eigentümerwechsel und in seiner Realisierung nehmen die Produkte die Form einer Ware an. Die gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeitquanten für die Produkte bestimmen sich im Nachhinein, gewaltsam. Das besorgt das hinter dem Rücken der Agierenden wirkende Wertgesetz. Zum Plan gehören untrennbar abhängig voneinander produzierende Produzenten, deren Zusammenhang durch Kooperation gestiftet wird. Die Kooperation ist nicht mit einem Eigentümerwechsel verbunden und in Kooperation erzeugte Produkte nehmen nicht die Form einer Ware an.“5

Und kommt zu dem Schluss:

„Markt und Plan schließen einander aus. Das heißt aber natürlich nicht, dass in der Realität nicht Marktelemente und Planwirtschaft nebeneinander bestehen können. Das hat es in der Vergangenheit gegeben, und das wird es in der Zukunft sicherlich auch für einen bestimmten Zeitraum geben. Es geht mir darum, klar zu machen, dass, wenn man sich in der Planwirtschaft auf Marktelemente einlässt, sich damit den Feind ins Haus geholt hat.“6

Auch im Kapitalismus findet Planung statt. Für das einzelne Unternehmen machen bereits Marx und Engels hierauf aufmerksam und verweisen auf den dabei sich zeigenden Widerspruch zur „Anarchie der gesellschaftlichen Produktion“7. Beim Übergang zum Monopolkapitalismus bringt der Druck des wachsenden gesellschaftlichen Charakters der Produktivkräfte die Ausdehnung kapitalistischer Planung auch über das einzelne Unternehmen hinaus hervor.8 Die Planung im Monopolkapitalismus bleibt aber kapitalistische Planung. Sie unterscheidet sich von der sozialistischen Planwirtschaft in einer entscheidenden Frage: Von wem und für welches Interesse wird geplant? Vom monopolistischen Finanzkapital und seiner staatsmonopolistischen Geschäftsführung für das Privatinteresse der Monopolisten und deren Herrschaft? Oder Planung durch die im Sozialismus herrschende Arbeiterklasse und ihrer Regierung, welche das Eigentum an den Produktionsmitteln übernommen hat und mittels dessen die gesellschaftliche Produktion bewusst und nach Maßgabe der Bedürfnisse und Interessen der Menschen regelt?

Das Thema ist hiermit sicherlich nicht umfassend behandelt. Wir wollen uns damit in einem späteren Heft von KlassenFragen beschäftigen. Hier sei lediglich die damit verbundene grundsätzliche Problemstellung für unser Verständnis der sozialistischen Gesellschaftsformation vorgestellt.

1 Friedrich Engels: Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW19, S.214
2 Ebd. S. 226
3 Hierzu insbes. Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie – Vorwort, MEW13, S.8
4 Zitiert nach: Felix Wemheuer: Einleitung: Kann der Markt den Sozialismus retten, in: Ders. (Hrsg.): Marktsozialismus. Eine kontroverse Debatte, Wien: Promedia, 2021, S. 7.
5 Helmut Dunkhase: Planwirtschaft im 21. Jahrhundert. In: »Marxistische Blätter« Heft 5/2013
6 Ebd.
7 Friedrich Engels: Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW19, S.215; ebenso auch Karl Marx: Das Kapital, MEW23, S.377
8 Hierzu W.I.Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, LW22, S.209 u. S.211