KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Die NÖP-Legende
Marktsozialistische Behauptungen und die wirkliche Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft in den 1920er Jahren. Teil 1
Auf Initiative Lenins ging die Sowjetmacht 1921 mit der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) dazu über, in vielen Bereichen der Wirtschaft freien Handel und Produktion für den Markt zuzulassen und zu fördern. Verfechter eines Marktsozialismus behaupten, die NÖP würde ihre Theorien belegen und Marktreformen in sozialistischen Ländern rechtfertigen. In den Debatten europäischer Kommunisten über China behauptet z. B. Domenico Losurdo, die chinesische Reform und Öffnung sei eine „gigantische NÖP“1. Unser Parteivorsitzender Patrik Köbele schätzt ein, die NÖP zeige, dass nur durch Marktbeziehungen die sozialistischen Produktivkräfte effizient entwickelt werden könnten.2
Eine konkrete Betrachtung der sowjetischen Wirtschaft in den 1920er Jahren zeigt das Gegenteil: Unter den besonderen Bedingungen dieser Jahre musste die Sowjetmacht ein gewisses Maß an Markt und damit an Kapitalismus zulassen. Als die Wiederherstellung der Wirtschaft erreicht war, als die Zerstörungen des 1. Weltkrieges und des Bürgerkrieges überwunden und die Produktion den Stand von 1913 übertraf, ließen sich die Widersprüche zwischen Marktelementen und sozialistischem Aufbau nicht mehr abmildern. Die Sowjetmacht musste die NÖP ersetzen – durch den Kurs auf den planwirtschaftlichen Aufbau der Schwerindustrie, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die damit verbundene Kulturrevolution. In der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung war die NÖP eine Erscheinung der Übergangsperiode, die bis zum Sieg des Sozialismus Mitte der 1930er Jahre reichte.3
Dieser Beitrag diskutiert einige Irrtümer, die in der kommunistischen Debatte über die NÖP umlaufen, und verbindet das mit einem groben Überblick über die historische Entwicklung. Über den richtigen Kurs führte die KPdSU intensive Debatten – die klassische Auseinandersetzung mit marktsozialistischen Auffassungen, die damals Nikolai I. Bucharin vertrat. Nachdem 20. Parteitag der KPdSU war es in der internationalen kommunistischen Bewegung nur noch eingeschränkt möglich, die positiven Beiträge Stalins im Kampf gegen marktsozialistische Theorien zu würdigen. Dieser Beitrag benennt Kernpunkte der damaligen Kontroversen. Diese besondere Entwicklung und ihre Analyse durch die KPdSU sind ein Beispiel für die allgemeine Tatsache, dass die Widersprüche des Sozialismus nicht mit den Rezepten des Kapitalismus gelöst werden können.
1. Irrtum: „Die NÖP kann ein Vorbild für einen neuen Sozialismus sein.“
Ende 1920 hatte die Rote Armee im Bürgerkrieg im Wesentlichen gesiegt, die Arbeiterklasse und die werktätigen Bauern hatten ihre Revolution unter großen Opfern gegen innere und äußere Reaktionäre verteidigt. 1921 schlug Lenin den Übergang zur NÖP vor und wies in der Auseinandersetzung mit ultralinken Illusionen nach, dass unter den damaligen Bedingungen ein unmittelbarer, sofortiger Übergang zu sozialistischen Produktionsverhältnissen nicht möglich war, dass eine staatskapitalistische Wirtschaft einen Schritt nach vorn bedeuten würde, dass ein begrenzter privater Kapitalismus zugelassen werden musste. Um zu bewerten, was am Weg der NÖP allgemeine Gültigkeit auch für andere Revolutionen hat, müssen diese Bedingungen betrachtet werden.
Weltkrieg und Bürgerkrieg hatten Chaos, Hunger und Zerstörung hinterlassen. Die Gewalt, die Hungersnot, Krankheiten und Emigration ließen die Bevölkerung sinken.4 Vor dem Weltkrieg hatte Russland Getreide exportiert, nun importierte Sowjetrussland Getreide, um den Hunger abzumildern5. Mehrere Millionen obdachloser Kinder und Jugendlicher mussten betteln, stehlen oder sich prostituieren.
Die Industrie war zusammengebrochen: 1921 lag ihre Produktion etwa bei 30 Prozent des Standes von 1913, dem letzten Jahr vor dem Weltkrieg. Die Getreideproduktion von 1921 lag geschätzt bei 44 Prozent der Ernte von 1913.6 Die Hälfte der Lokomotiven war beschädigt, für die intakten Lokomotiven fehlte der Brennstoff7 – ein geregelter Güteraustausch fand nicht statt. Stadtbewohner flohen vor dem Hunger aufs Land, damit verkleinerte sich die Arbeiterklasse.8 Ein Symbol für die industrielle Krise wurde, dass die Arbeiter der Großbetriebe begannen, kleine, improvisierte Gebrauchsgüter – wie Feuerzeuge – herzustellen, um sie bei Schiebern gegen Brot einzutauschen.9
Die sowjetische Wirtschaft war in weiten Teilen von technisch rückständiger Kleinproduktion geprägt. Das zaristische Russland war ein imperialistisches Land gewesen, es hatte eine gewisse industrielle Entwicklung gegeben – aber rund 80 Prozent der Bevölkerung des riesigen Landes lebten von der Landwirtschaft.10 In der Revolution hatten Landarbeiter und arme Bauern die Enteignung der Grundbesitzer und damit ein eigenes Stück Land erkämpft. Das hieß auch: Die Landwirtschaft bestand bis zur Kollektivierung ab 1928 fast ausschließlich aus kleinen Bauernwirtschaften. Moderner Fruchtwechsel passte nicht zu den traditionellen Dorfstrukturen, ein nennenswerter Teil der Bauern benutzte einen Holzpflug, erntete das Getreide mit einer Sense und drosch es mit einem Dreschflegel.11 Lenin betonte, dass diese rückständige Kleinproduktion das zentrale Hindernis beim Aufbau des Sozialismus war – das „kleinbürgerliche Element“ sei eine „Elementargewalt“ und der „Hauptfeind“.12
In den Jahren des Bürgerkrieges hatte für die Bauern eine Ablieferungspflicht gegolten – sie mussten alles Getreide, das sie nicht selbst als Lebensmittel oder Saatgut verbrauchten (teilweise noch mehr), an den Staat abliefern. Dieser Zwang bot den Bauern kaum Anreize, ihre Wirtschaft auszuweiten, die Sowjetmacht setzte ihn mit harten Repressionen durch – im Bürgerkrieg war das notwendig und vermittelbar, nach dem Sieg über die Konterrevolution nicht mehr.
Im Dezember 1920 stellt Lenin fest, dass es unmöglich sei, sofort landwirtschaftliche Genossenschaften zu bilden – an den Übergang der Einzelbauern zum Sozialismus sei zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken, „[w]ir müssen uns auf den Einzelbauern stützen, er ist nun einmal so, wie er ist, und wird in der nächsten Zeit kein anderer werden“.13 Darin drückt sich eine weitere Ausgangsbedingung der NÖP aus: Anfang der 1920er Jahre war die Sowjetmacht und erst recht die kommunistische Partei auf dem Dorf und unter der Bauernschaft schwach14 (ein grundlegender Unterschied zur Entwicklung der chinesischen Revolution). Lenin stellte fest, dass „wir [in der Krise von 1921] die großen Massen der Bauern gegen uns hatten“.15 Diese Unzufriedenheit der Bauernschaft eskalierte im Aufstand von Kronstadt im Februar und März 1921.16
Diese drei Faktoren prägten die Ausgangsbedingungen der NÖP: Chaos und Zerstörung nach den Kriegen, ein starkes kleinbürgerliches Element der russischen Wirtschaft, die damalige Schwäche der Sowjetmacht auf dem Land. Unter diesen Bedingungen war ein sofortiger, unmittelbarer Übergang zur sozialistischen Planwirtschaft unmöglich. Erst in den Jahren 1926 bis 1928 konnte die Industrie wieder den Stand vor dem Weltkrieg erreichen.17 Gerade damit, dass „es unmöglich ist, die Großindustrie rasch wiederherzustellen“, begründete Lenin die Notwendigkeit der NÖP18: Getreide brauchten die Städte sofort, die Sowjetmacht musste die bäuerlichen Kleineigentümer in dieser Lage nehmen, „wie sie nun einmal sind“, das hieß, mit ihnen zu handeln.
Die Bedingungen, die die Sowjetmacht zwangen, für einige Jahre einen gewissen Kapitalismus zuzulassen, bestanden also aus einer Kombination von Faktoren, die es so in keiner anderen Revolution gegeben hat. Diese besondere Lage lässt vermuten, dass die Sowjetunion im Vergleich zu anderen Revolutionen ein besonders großes Maß an Marktbeziehungen und Kapitalismus zulassen musste und dass die Übergangsperiode länger dauerte. Die NÖP kann deshalb kein Modell sein.
2. Irrtum: „Der Übergang zur NÖP war eine Abkehr vom ‚Messianismus‘.“
Nach der Oktoberrevolution hatten die Bolschewiki die entscheidenden Teile des alten Staatsapparates zerschlagen und mit dem Aufbau eines neuen Staates begonnen. Sie hatten die Banken nationalisiert. Um die große Industrie zu vergesellschaften, führten sie zunächst die Arbeiterkontrolle ein – das bedeutete, die Masse der Beschäftigten zum Kampf gegen ihre „Arbeitgeber“ um die Kontrolle der Unternehmen zu mobilisieren.19 Die Unternehmer versuchten, Betriebe zu schließen, die Massenbewegung führte dazu, dass die Großindustrie Mitte 1918 im Wesentlichen nationalisiert war.20
Um die Revolution gegen den folgenden weißen Terror und die imperialistische Intervention zu verteidigen, waren auch wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen nötig, die als „Kriegskommunismus“ bezeichnet werden. Die Sowjetmacht kontrollierte zeitweise nur Teile des Landes und musste alle Ressourcen für die Verteidigung mobilisieren. Sie beschlagnahmte Lebensmittel von privaten Händlern, versuchte, die Preise für Konsumgüter zu kontrollieren und verbot schließlich den privaten Handel, auch viele Kleinbetriebe wurden nationalisiert.21 Zu den Zwangsmaßnahmen des Kriegskommunismus gehörte auch die Ablieferungspflicht für Getreide (s. Abschn. 1.).
Die Währung brach zusammen. Industriebetriebe zahlten Löhne in Naturalien. Öffentliche Dienstleistungen, wie Wohnung, Transport oder Post, mussten nicht bezahlt werden. Beim Austausch zwischen Staatsbetrieben wurde ganz auf Geld verzichtet (ohne dass es bereits Alternativen für eine nachvollziehbare Buchführung gab).22
In der bolschewistischen Partei richteten sich damals Hoffnungen darauf, dass es möglich sein würde, auf diese Weise unmittelbar zu sozialistischen Verhältnissen zu kommen, dass der Zusammenbruch der Währung bereits die Überwindung der Geldwirtschaft bedeuten könne. Lenin beschreibt, die Bolschewiki hätten erkennen müssen, dass „der direkte Übergang zu einer rein sozialistischen Wirtschaftsform, zur rein sozialistischen Verteilung der Güter“ in dieser Lage nicht möglich war und sie deshalb einen Rückzug vornehmen mussten: den Übergang zur NÖP.23 Hans Heinz Holz fasst Lenins zahlreiche Äußerungen zu dieser Frage zusammen:
„Lenin hat keinen Zweifel daran gelassen, daß er die NÖP nicht als Ziel, sondern als Not- und Übergangslösung betrachtete, um mit den Folgen der Kriegszerstörung und Unterentwicklung fertig zu werden und den Aufbau einer qualifizierten Produktion zu beschleunigen.“24
Domenico Losurdo dagegen will zeigen, dass die Wende zur NÖP eine viel grundsätzlichere Bedeutung hatte – für ihn weist sie in die Richtung eines „Marktsozialismus“. Die NÖP zeige, dass sich die kommunistische Bewegung weltanschaulich umorientieren musste: weg von dem, was er „Messianismus“ nennt, also von Vorstellungen, die mit der religiösen Hoffnung auf Erlösung durch den Messias vergleichbar sind. Dieser Messianismus habe sich im Kriegskommunismus in den Illusionen über einen sofortigen Übergang und die Hoffnung auf die Abschaffung des Geldes gezeigt.25 Einen „Hang zum Messianismus“ sieht er bereits bei Marx und Engels;26 er äußere sich zum Beispiel im „Mythos vom Absterben des Staates“ oder in der Vorstellung, im Kommunismus gebe es keinen Markt.27 Einen Bruch mit dem sogenannten Sozialismus des heutigen China und überhaupt dem „Marktsozialismus“ sieht Losurdo bereits als Beweis für „messianische Tendenzen“.28 In dieser Sicht geht es bei der NÖP nicht um die besonderen Maßnahmen der Übergangsperiode zwischen Kapitalismus und Sozialismus in der Sowjetunion, sondern darum, was eine sozialistische Gesellschaft ausmacht – dass die NÖP also kein Rückzug vor einer neuen Offensive war, sondern eine Änderung des Ziels.
In der historischen Einschätzung der NÖP macht Losurdo einen Fehler, den Stalin 1929 in der großen Parteiauseinandersetzung bei Bucharin kritisiert hat: Er „vergisst, dass die NÖP [neben einer gewissen Freiheit des Handels] noch eine andere Seite hat“ – „NÖP heißt Freiheit des privaten Handels in bestimmten Grenzen, in einem bestimmten Rahmen, bei Gewährleistung der regulierenden Rolle des Staates auf dem Markt.“29
Die Bolschewiki gingen einen Weg, für den es keine historischen Vorbilder gab, die Revolution entwickelte sich in Widersprüchen – natürlich traten in der Partei Schwankungen, Fehler und Richtungskämpfe auf. Mit einer Abkehr von einem „Messianismus“ hatte das nichts zu tun. Auf neue Bedingungen musste die Partei taktisch flexibel und strategisch klar reagieren – das gilt sowohl für den Übergang vom Kriegskommunismus zur NÖP als auch für die Perspektive, den Sozialismus in einem Land aufzubauen,und für den Übergang von der NÖP zu Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft.
Die begrenzte Freiheit des Marktes konnte eine Rolle spielen, bis die zerrüttete Wirtschaft auf das Niveau von vor dem 1. Weltkrieg wiederhergestellt war (s. Teil zwei dieses Artikels in der nächsten Ausgabe). Der wirkliche Sprung in der Produktivkraftentwicklung war nur auf planwirtschaftlichem Weg möglich, und darauf richteten die Bolschewiki ihre Politik aus. Noch 1920 hatten die Arbeiten am GOELRO-Plan für den Bau von Kraftwerken begonnen.30 Bereits 1927 – also noch vor der „großen Wende“ von 1929 – begannen die Bauarbeiten am Dnepr-Staudamm. „Meiner Meinung nach ist das unser zweites Parteiprogramm“, sagt Lenin über diesen Plan – er sei der Weg hin zu einem umfassenden Wirtschaftsplan und damit für den Übergang von der Wiederherstellung der Wirtschaft hin zum „wirklichen Aufbau“, auf diese Weise entstehe die „wirtschaftliche Grundlage“ für den Kommunismus.31
3. Irrtum: „Die NÖP zeigt, dass Plan und Markt miteinander vereinbar sind.“
Nach wenigen Jahren führte die Dynamik der Marktwirtschaft, die sich seit Beginn der NÖP entwickelt hatte, zu Ungleichgewichten und Widersprüchen, die die Frage nach dem weiteren Entwicklungsweg auf die Tagesordnung setzten. 1927 schätzte das ZK der KPdSU ein: „Im Problem der Preise sind alle grundlegenden ökonomischen und politischen Probleme des Sowjetstaates miteinander verknüpft.“32
Bei der Bildung der Preise ging es um das Verhältnis, zu dem die Produkte der Industrie und der Landwirtschaft miteinander ausgetauscht werden – und damit um das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und werktätiger Bauernschaft. Es ging um die Frage, welche sozialen Kräfte im wirtschaftlichen Wiederaufbau gestärkt werden. Und es ging um die Frage, für welche Industriebetriebe welche Investitionen möglich sind, also um die Zukunft der sowjetischen Wirtschaft. An der Entwicklung der Preise während der NÖP zeigt sich, wie auch die begrenzte Freiheit des Marktes in Widerspruch zum sozialistischen Aufbau geriet. Als Ende der 1920er Jahre die Wiederherstellung der sowjetischen Wirtschaft auf das Niveau von 1913 erreicht war (s. Teil 2 dieses Artikels), waren die Elemente der Marktwirtschaft ein Hindernis für die weitere Entwicklung geworden.
Zuerst war es nötig, in der zerrütteten Wirtschaft irgendeine Art von geregeltem Austausch von Gütern zu organisieren und den Güterverkehr wieder in Gang zu bringen. Die entscheidende Maßnahme, mit der die Sowjetmacht zur NÖP überging, war, im März 1921 die Ablieferungspflicht für Getreide durch eine Steuer für die Bauernwirtschaften zu ersetzen. Nun sollten sie, nachdem sie ihre Steuern gezahlt hatten,33 ihr überschüssiges Getreide verkaufen können. Mit einer Landwirtschaft von Kleinproduzenten war die einzige Alternative zum Zwang des Kriegskommunismus der Austausch von Waren, und das heißt: auf einem relativ freien Markt (vgl. Abschnitt 1).
Austausch über den Markt erforderte damals, privaten Handel zuzulassen (staatliche Handelsorganisationen mussten noch aufgebaut werden). Das hieß auch, die Entstehung einer neuen Schicht kleiner Kapitalisten zuzulassen, der „Nepmänner“ (nach der russischen Abkürzung NEP für NÖP).
Wie sich in den folgenden Jahren die Preise entwickeln sollten, ergab sich aus der grundlegenden Struktur der sowjetischen Wirtschaft: Eine schwach entwickelte Industrie, eine große Zahl kleiner Bauernwirtschaften, die teilweise vor allem für die Selbstversorgung produzierten (s. Abschnitt 1). Der große Historiker Eric Hobsbawm beschreibt den Widerspruch, der sich in der Preisentwicklung der NÖP-Jahre zuspitzte und der erst durch Kollektivierung und planwirtschaftliche Industrialisierung gelöst werden konnte:
„[B]is zu dem Zeitpunkt, als die industrielle Entwicklung dann weiter fortgeschritten war, [hatte es] kaum etwas gegeben […], das die Bauern in den Städten kaufen konnten und das sie dazu gebracht hätte, ihre Überschüsse zu verkaufen, anstatt sie in den Dörfern aufzuessen und zu versaufen. Genau das aber sollte die Schlinge sein, mit der sich die NEP schließlich selbst strangulierte (was als »Scherenkrise« bekannt werden sollte).“34
Bis 1923 hatte sich die Getreideproduktion nach der Hungersnot erholt. Industriewaren blieben knapp. Landwirtschaftliche Güter waren billiger als 1913, Industriewaren wegen der hohen Nachfrage (und der immer noch ineffizienten Verteilung) teurer, die Preisschere ging auseinander:35 die von Hobsbawm erwähnte Scherenkrise. Das wiederum reduzierte den Anreiz für die Bauern, Getreide zu vermarkten, darauf waren Stadtbevölkerung und Industrie aber angewiesen. Um den Markt in Gang zu halten und den Bauern Anreize zu bieten, musste die Sowjetregierung die Marktdynamik begrenzen: Sie legte fest, dass die staatliche Industrie zu niedrigeren Preisen verkaufen musste. Für eine gewisse Zeit konnte sie das Problem so entschärfen, ohne die strukturellen Gründe zu beseitigen.
Denn nun gab es eine kaufkräftige Nachfrage nach Industriewaren zu offiziellen Preisen – aber nicht genug Industriewaren. Die Scherenkrise führte zum „Warenhunger“. Die offiziellen Preise richteten sich nicht nach Angebot und Nachfrage, das bot einen Anreiz zur Spekulation. Nepmänner kauften Industriewaren und verkauften sie auf dem Dorf zu höheren Preisen. Offizielle und private Preise gingen auseinander, teilweise um das Doppelte oder Dreifache. In der Nähe der Städte waren die Preise niedriger als in abgelegenen Gegenden.36 Die Preiskontrollen stärkten damit zeitweise die Privathändler und Spekulanten.37
Die Regierung versuchte, auch die Preise, zu denen der Staat Getreide kaufte, nicht zu weit steigen zu lassen – die Getreidepreise von Angebot und Nachfrage bestimmen zu lassen, hätte den industriellen Aufbau gefährdet.38 Die niedrigen Getreidepreise auf der einen, der Warenhunger auf der anderen Seite verringerten den Anreiz für die Bauern, Getreide auf den Markt zu bringen. In der privaten Wirtschaft wirken Preise sich auf Produktionsentscheidungen aus: Statt Getreide zu verkaufen, verfütterten die Bauern einen Teil davon ans Vieh und produzierten mehr Fleisch und Eier.39 Auch mit Getreide begann die Spekulation: Die in den vorangegangenen Jahren gewachsenen Kulakenwirtschaften konnten es sich leisten, Getreide in Erwartung höherer Preise zurückzuhalten, private Händler kauften Getreide zu höheren Preisen auf.40
Die Sowjetmacht versuchte, die Widersprüche im Rahmen der NÖP einzudämmen, aber ihre Ursachen lagen in der Struktur der sowjetischen Wirtschaft: Sie spitzten sich zu. Ab 1925 wurde es schwieriger, das benötigte Getreide aufzukaufen. Anfang 1928 war die Getreidebeschaffung gegenüber dem Vorjahr massiv zurückgegangen – trotz regional guter Ernte.41 Das bedeutete eine akute Krise für die Versorgung der Städte (und z. B. der usbekischen Baumwollgebiete).In den Städten mussten 1928 und 29 Lebensmittelkarten eingeführt werden. DieSowjetmacht reagierte mit einer Kampagne, in der sie Getreide von Kulaken beschlagnahmte. Die bedrohliche Spekulation mit Getreide und diese Kampagne waren der Ausgangspunkt für die Verschärfung des Klassenkampfes auf dem Land, der in den folgenden Jahren zur Kollektivierung und zur Enteignung der Kulaken führen sollte.
Natürlich hätte die Sowjetmacht auch anders reagieren können als mit Zwang gegen Kulaken und Spekulanten: Sie hätte die Preiskontrollen und damit die Begrenzung des Marktes aufheben können, sie hätte einen Markt zulassen können, auf dem sich die Preise nach Angebot und Nachfrage richten. Das hätte die gesellschaftliche Stellung der Kulaken gestärkt und den Aufbau der Schwerindustrie unmöglich gemacht (genauer in Teil 2).
Die Widersprüche der NÖP lagen in ihrer Anlage: Für eine gewisse Zeit war sie notwendig und förderlich, aber die begrenzte Freiheit des Marktes konnte nicht dauerhaft stabil sein. Das meint Hobsbawm mit der Schlinge, mit der sich die NÖP selbst strangulierte. Er fasst zusammen:
„Es war daher niemals sehr wahrscheinlich gewesen, daß sich die Neue Ökonomische Politik - also ein ausgewogenes Wirtschaftswachstum auf Basis einer vom Staat gesteuerten bäuerlichen Marktwirtschaft, deren Kommandospitzen von ihm kontrolliert wurden – als dauerhafte Strategie erweisen würde.“42
Diejenigen, die die NÖP zum marktsozialistischen Modell machen wollen, ignorieren oft, wie schnell sich die Widersprüche zwischen der Dynamik des Marktes, d. h. den kapitalistischen Elementen, und den Zielen der Sowjetmacht entwickelten und zuspitzten. Aus einer solchen Sicht erscheinen leicht Stalins Machtstreben oder seine ideologische Verbohrtheit als Gründe für das Ende der NÖP. Tatsächlich zeigt sich: Die Entwicklung der sowjetischen Wirtschaft in den 1920er Jahren ist ein Beispiel dafür, dass selbst eine begrenzte Freiheit des Marktes nach kurzer Entwicklung in Widerspruch zur planmäßigen Ausrichtung der Wirtschaft an gesellschaftlichen Bedürfnissen führen muss.
Ausblick
Der zweite Teil dieses Artikels in der nächsten Ausgabe beschreibt, warum sich die Widersprüche der NÖP zugespitzt haben, als die Wiederherstellung der Wirtschaft erreicht war – und damit, in welchem Maße die Marktbeziehungen tatsächlich zu einer Entwicklung der Produktivkräfte beitragen konnten. Anhand der Richtungskämpfe in der KPdSU wird diskutiert, dass der Übergang zur Planwirtschaft keine willkürliche Entscheidung war, sondern ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Tatsache, dass die Widersprüche des Kapitalismus zum Sozialismus drängen.
1 Domenico Losurdo: Flucht aus der Geschichte? Die russische Revolution und die chinesische Revolution heute, Essen: Neue Impulse Verlag, 2009, S. 55-57.
2 Patrik Köbele: Herausforderungen und Probleme beim Aufbau des Sozialismus. Referat auf der PV-Tagung am 19./20. Juni 2021, in: DKP Intern 2021, Nr. 3, S. 3–20, hier: S. 11.
3 Weltgeschichte in zehn Bänden. Band 9, Berlin: VEB deutscher Verlag der Wissenschaften, 1967, S. 314, 324.
4 R. W. Davies: Introduction, in: Ders. (Hrsg.): From Tsarism to the New Economic Policy. Continuity and Change in the Economy of the USSR, London 1990, S. 1-28, hier: S. 5.
5 Nove: Economic History, S. 81.
6 Davies: Introduction, S. 6. Vgl. William G. Rosenberg: Introduction. NEP Russia as ‘Transitional’ Society, in: Sheila Fitzpatrick u.a. (Hrsg.): Russia in the Era of NEP. Explorations in Soviet Society and Culture, Bloomington und Indianapolis 1991, S. 1-11, hier: S. 5; Nove: Economic History, S. 61f.
7 Ebd., S. 85.
8 Ebd., S. 60
9 W. I. Lenin: X. Parteitag der KPR (B), 8.-16. März 1921, in: LW, Bd. 32, S. 200.
10 Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München: dtv, 2007, S. 474.
11 Nove: Economic History, S. 101f.
12 W. I. Lenin: Über die Naturalsteuer. Die Bedeutung der neuen Politik und ihre Bedingungen. In: LW, Bd. 32, S. 341-380, hier: S. 375f.
13 W. I. Lenin: VIII. Gesamtrussischer Sowjetkongress. 22.-29. Dezember 1920, in: LW, Bd. 31, S. 457-531, hier: S. 524f.
14 Helmut Altrichter: Kleine Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, München: Beck, 2001, S. 56f; Nove: Economic History, S. 42, 108.
15 W.I. Lenin: IV. Kongress der Kommunistischen Internationale, 5. November – 5. Dezember 1922, in: LW, Bd. 33, S. 401-418, hier: S. 407.
16 Lenin: Naturalsteuer, S. 372; Nove: Economic History, S. 72.
17 Davies: Introduction, S. 5f.
18 Lenin: Naturalsteuer, S. 379.
19 Nove: Economic History, S. 42f; Lenin: Rede zum Jahrestag der Revolution. 6. November 1918, in: LW, Bd. 28, S. 129-144, hier: 131f.
20 Nove: Economic History, S. 44, S 59.
21 Ebd., S. 48, 53, 59.
22 Ebd., S. 57f.
23 W.I. Lenin: IV. Kongress der Kommunistischen Internationale. 5. November - 5. Dezember 1922, in: LW, Bd. 33, S. 401-418, hier: S. 408.
24 Hans Heinz Holz: Theorie als materielle Gewalt: Die Klassiker der III. Internationale, (= Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie, Bd. 2), Berlin: Aurora-Verl., 2011, S. 166, Anm. 34.
25 Domenico Losurdo: Der Klassenkampf oder die Wiederkehr des Verdrängten. Eine politische und philosophische Geschichte, Köln: Papyrossa, 2016, S. 215-219.
26 Domenico Losurdo: Der Kommunismus. Geschichte, Erbe und Zukunft, Köln: Papyrossa, 2021, S. 177.
27 Losurdo: Flucht aus der Geschichte?, S. 105.
28 Losurdo: Der Kommunismus, S. 207.
29 J. W. Stalin: Über die rechte Abweichung in der KPdSU(B). Rede auf dem Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B) im April 1929, in: Ders.: Werke, Berlin 1954, Bd. 12, S. 8-58, hier: S. 28.
30 Peter Gatrell, R.W. Davies: The Industrial Economy, in: R.W. Davies (Hrsg.): From Tsarism to the New Economic Policy. Continuity and Change in the Economy of the USSR, London 1990, S. 127-159, hier: S. 133.
31 W. I. Lenin: VIII. Gesamtrussischer Sowjetkongress. 22.-29. Dezember 1920, in: LW, Bd. 31, S. 457-531, hier: S. 511f.
32 Zit. n. Nove: Economic History, S. 140, Übers. d. V.
33 Zunächst als Naturalsteuer, ab 1924 als Geldsteuer. Nove: Economic History, S. 79.
34 Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München: dtv, 2007, 474f. „Versaufen“ bezieht sich darauf, dass ein Teil des dringend benötigten Getreides zu Schnaps verarbeitet wurde.
35 Nove: Economic History, S. 88-90.
36 Ebd., S. 97f, S. 137f.
37 Alan Ball: Private Trade and Traders during NEP, in: in: Sheila Fitzpatrick u.a. (Hrsg.): Russia in the Era of NEP. Explorations in Soviet Society and Culture, Bloomington und Indianapolis 1991, S. 89-105, hier: S. 97-99.
38 Vgl. Davies: Introduction, S. 23.
39 Nove: Economic History, S. 149.
40 Ebd., S. 147; Ball: Private Trade, S. 97.
41 Nove: Economic History, S. 149. Nove gibt einen Rückgang um 30 Prozent an.
42 Hobsbawm: Zeitalter der Extreme, S. 475.