KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Zu einigen Begriffen: Übergangsperiode, Sozialismus und Kommunismus.
Von Hegel stammt das Wort von der „Anstrengung des Begriffs“. Der Marxismus hat von ihm den Anspruch übernommen, unsere Begriffe nicht dogmatisch als vorgegebene Definitionen zu verstehen, die der Wirklichkeit übergestülpt werden, sondern auf den Prozess zu schauen, in dem die Begriffe gebildet werden. Dass dies dann als Reflexion einer Entwicklung der materiellen Wirklichkeit verstanden wird, und nicht als Bewegung der Idee, unterscheidet die materialistische Dialektik vom Idealismus Hegels. Die „Anstrengung des Begriffs“ bleibt nichtsdestotrotz unverzichtbar für den Marxismus und die Partei, welche den Marxismus als ihr wissenschaftliches Fundament versteht.
Die folgenden Versuche, einige Begriffe in ihrem Zusammenhang zu erläutern, sollen demnach auch nicht dogmatisch bestimmen, wie die Wirklichkeit ist oder zu sein hat, sollen auch keine bloße Wortklauberei sein. Im Gegenteil: Die begriffliche Bestimmung der Phasen muss aufzeigen, wie sie sich in den Zusammenhang des historischen Prozesses einfügen, der vom Kapitalismus in die kommunistische Zukunft führt und wie sich daraus die jeweiligen spezifischen Aufgaben identifizieren lassen.
Klare, gemeinsame Begriffe sind eine wichtige Voraussetzung für klares Denken, präzise Argumentation und darauf aufbauend gemeinsame Praxis. Das heißt, sie sind Voraussetzung für den wissenschaftlichen Anspruch, den wir an die Arbeitsweise einer kommunistischen Partei stellen.
Übergangsperiode
Die Phase von der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat (und Verbündeter) bis zur Schaffung von (im Wesentlichen) sozialistischen Produktionsverhältnissen.
In dieser Phase wird die in der proletarischen Revolution errungene politische Macht genutzt, um die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu zerschlagen und durch neue Produktionsverhältnisse zu ersetzen – nämlich solche, die den Aufbau einer sozialistischen Produktionsweise ermöglichen und zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft geeignet sind. Ein wesentlicher Moment dieser Änderungen ist offensichtlich die Abschaffung der privaten Form des Eigentums an Produktionsmitteln.
Voraussetzung und Ausgangspunkt der Übergangsperiode ist demnach die proletarische Revolution, mit der die politische Macht errungen wird, die in dieser Phase erforderlichen Maßnahmen durchzusetzen.
Diese Periode kann politisch verschiedene Formen annehmen. Historisch wurde sie in der UdSSR als Sowjetsystem realisiert, während die Entwicklung in der DDR und weiteren Ländern Osteuropas die Form von Volksdemokratien angenommen hat. Unabhängig von diesen unterschiedlichen politischen Formen, muss die Übergangsperiode aber immer dieselbe oben bestimmte Aufgabe erfüllen. Sie ist kein beliebig ausdehnbares Stadium (und erst recht keine eigene Gesellschaftsformation), sondern muss ihren Zweck erfüllen, die Grundlagen sozialistischer Produktionsverhältnisse zu schaffen – also weitergehen zum Sozialismus – und würde andernfalls untergehen und in der historischen Entwicklung zurückschreiten. Diese Abhängigkeit wurde 1948 von Georgi Dimitroff u.a. wie folgt beschrieben:
„Der volksdemokratische Staat ist ein Staat der Übergangsperiode, berufen, die Entwicklung des Landes auf dem Wege zum Sozialismus zu gewährleisten.
Das bedeutet, dass die Macht der Kapitalisten und Großgrundbesitzer zwar gestürzt und der Besitz dieser Klassen in das Eigentum des Volkes überführt ist, die ökonomischen Wurzeln des Kapitalismus jedoch noch nicht liquidiert sind, die kapitalistischen Elemente noch vorhanden sind und sich entwickeln in dem Bestreben, die kapitalistische Sklaverei wiederherzustellen. Deshalb ist eine Vorwärtsentwicklung zum Sozialismus nur möglich unter der Voraussetzung eines unversöhnlichen Klassenkampfes gegen die kapitalistischen Elemente bis zu ihrer völligen Liquidierung.
Nur durch unbeirrbares Vorwärtsgehen auf dem Wege des Sozialismus kann der volksdemokratische Staat erstarken und seiner historischen Mission gerecht werden. Wenn die Volksdemokratie aufhören würde, die Ausbeuterklasse zu bekämpfen, wenn sie aufhören würde, die kapitalistischen Elemente zu unterdrücken und zu verdrängen, würden diese unweigerlich die Oberhand gewinnen und die Volksdemokratie nicht nur in ihren Grundlagen untergraben, sondern zu ihrem Untergang führen.“ 1
Sozialismus – die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft
Als „erste Phase der kommunistischen Gesellschaft“ bezeichnete Marx die Entwicklungsphase der menschlichen Gesellschaft, die wir Sozialismus nennen. In dieser Phase können sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten sowie die Triebkräfte des Sozialismus zunehmend entfalten und voll wirksam werden. Auf Basis der geschaffenen ökonomischen Grundlagen sozialistischer Produktionsverhältnisse – aber noch behaftet mit den geerbten Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft – gilt für die Verteilung der individuellen Konsummittel das Prinzip „Jedem nach seiner Leistung“.
Voraussetzung hierfür ist die erfolgte Abschaffung des Privateigentums an den (wesentlichen) Produktionsmitteln, deren Übergang ins Eigentum der Gesellschaft und die dadurch ermöglichte Nutzung der Produktionsmittel durch und für die Gesellschaft selbst. Letzteres kann nur in Form einer bewussten Steuerung der Produktion erfolgen – als gesellschaftliche Planung.
Ziel dieser Phase ist der vollständige Aufbau solcher gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Übergang zum Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ ermöglichen. Das betrifft in wachsendem Umfang Fragen des Bewusstseins und der Moral. Auf Grundlage der Ausschaltung der früheren Ausbeutungsverhältnisse und der Errichtung der sozialistischen Ökonomie kann sich ein Bewusstsein entwickeln, bei dem der Gegensatz von individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnissen überwunden ist.
Kommunismus – die höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft
Was wir als entwickelten Kommunismus bezeichnen, und bei Marx die „höhere Phase der kommunistischen Gesellschaft“ genannt wurde, setzt voraus, dass dieses soeben beschriebene Bewusstsein vorherrschend in der Gesellschaft geworden ist. Hier bringt sich jeder mit seinen Fähigkeiten und Interessen für die gemeinsame gesellschaftliche Produktion ein, im Bewusstsein, dass damit Bedürfnisse befriedigt werden, welche ebenso seine eigenen, wie die der Gesellschaft sind.
Ab hier gilt, was Engels so beschreibt:
„Damit erst scheidet der Mensch, in gewissem Sinn, endgültig aus dem Tierreich, tritt aus tierischen Daseinsbedingungen in wirklich menschliche. Der Umkreis der die Menschen umgebenden Lebensbedingungen, der die Menschen bis jetzt beherrschte, tritt jetzt unter die Herrschaft und Kontrolle der Menschen, die zum ersten Male bewußte, wirkliche Herren der Natur, weil und indem sie Herren ihrer eignen Vergesellschaftung werden. […]
Erst von da an werden die Menschen ihre Geschichte mit vollem Bewußtsein selbst machen, erst von da an werden die von ihnen in Bewegung gesetzten gesellschaftlichen Ursachen vorwiegend und in stets steigendem Maß auch die von ihnen gewollten Wirkungen haben. Es ist der Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.“2
Diktatur des Proletariats
Der Begriff der »Diktatur des Proletariats« definiert den Charakter des Staates in der Übergangsperiode. Dieser Staat, der mit der proletarischen Revolution geschaffen wird, realisiert die politische Macht der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten. Um die notwendigen Maßnahmen für die Zielsetzung der Übergangsperiode durchzuführen, sind gewaltsame Eingriffe in die bisherigen bürgerlichen Rechte der Ausbeuterklasse erforderlich. Zugleich wird auch die Verteidigung der Entwicklung gegen konterrevolutionäre Angriffe Aufgabe dieses Staats.
Letzteres bleibt – wenn auch in abnehmender Weise – Funktion des sozialistischen Staates auch in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, bis das Verschwinden der Klassenspaltung diese Aufgabe schließlich obsolet macht.
1 Die Rede von Dimitroff auf dem 5. Parteitag der Bulgarischen Arbeiterpartei (Kommunisten), 1948, wurde in Auszügen dokumentiert in der Ausgabe vom Februar 1949 von »Wissen und Tat«, der theoretischen Zeitschrift der KPD. Ein Faksimile mit dem vollständigen Beitrag haben wir auf www.klassenfragen.org zugänglich gemacht.
2 Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW19, S.226