KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

WAS IST SOZIALISMUS?

Von Georg Fülberth und Lucas Zeise

Erste Antwort in einem Satz: Sozialismus ist eine Produktionsweise, die die Katastrophengeschichte des Kapitalismus und der Klassenherrschaft beendet.

Einige Worte zur unmittelbaren Vorgängergesellschaft

Trotz der Steigerung der Produktivität des Kapitalismus – seiner größten Leistung – ist er mit Fremdbestimmung der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder, Massenelend, Kriegen mit vor ihm nie gekanntem technischem Gewaltpotential (bis hin zur Gefahr der Selbstvernichtung der Menschheit) und Umweltzerstörung verbunden.

Im Kapitalismus beruht die Klassenherrschaft ökonomisch auf dem Eigentum und Nichteigentum an den Produktionsmitteln und wird durch den Einsatz politischer, juristischer, ideologischer und gewalttätiger Mittel gewährleistet.

Die Produktionsmittel sind im Kapitalismus weitgehend privates Eigentum. Die Organisation der politischen, juristischen und gewalttätigen Mittel zur Gewährleistung des Eigentums ist der Staat. Er verfügt teilweise auch über die ideologischen Machtmittel, teils befinden sich diese ebenfalls in den Händen der Privateigentümer.

Solange der Kapitalismus besteht, sind die von ihm erzeugten Katastrophen unvermeidlich.

Zweck des kapitalistischen Wirtschaftens ist die Erzielung, Vermehrung und Maximierung von Gewinn (Profit) für die Privateigentümer durch den Einsatz von Lohnarbeitern. Regelmäßig kommt es im Kapitalismus daher zu Absatzkrisen. Produktionsmittel bleiben ungenutzt, Arbeitskräfte werden entlassen. Die Anhäufung (Akkumulation) von Kapital ohne Verwendungsmöglichkeit wird zur Überakkumulation. Krisen enden typischerweise erst dann, wenn die Produktionsmittel und die Arbeitskräfte so billig werden (Kapital sich also entwertet), dass sich ihr Einsatz auch bei geringer Auslastung oder dürftiger Nachfrage wieder lohnt.

Um diesen Krisen zu entkommen, greifen Kapitalisten zum Export von Waren und Kapital. Kapitalexport in weniger entwickelte Länder bewirkt Anpassung von deren ökonomischen Strukturen an die Bedürfnisse der Kapitalexporteure – mit der Folge neuen Massenelends. Die Konkurrenz der Industriemächte um Rohstoffzufuhr und Absatzmärkte führt zu Kriegen. Resultate sind sich immer wieder erneuernde Massenelends- und Fluchtbewegungen.

Bei der ständigen Vermehrung von Waren und Produktionsmitteln wird die Biosphäre geschädigt: durch die Plünderung natürlicher Ressourcen und die Belastung von Boden, Wasser und Atmosphäre – eine mittlerweile permanente und immer schärfer werdende Umweltkrise.

Die Beseitigung von Massenelend, Kriegen und der Ruin der Biosphäre innerhalb des Kapitalismus kann zwar als möglich gedacht werden, ist aber höchst unwahrscheinlich, da solche Fortschritte so lange reversibel bleiben, wie der Kapitalismus weiterbesteht. Das Kernproblem des Kapitalismus ist es, dass die Produktion, ja die Aktivität der ganzen Gesellschaft nach den Interessen der Kapitalisten am größtmöglichen Profit ausgerichtet ist. Damit sind nicht nur Fehlentwicklungen und Katastrophen verbunden. Die Menschen (nicht nur die Lohnarbeiter, sondern alle, sogar der größte Teil der Kapitalisten selber) sind in ihrem Handeln systematisch fremdbestimmt.

Eigenschaften der neuen Produktionsweise

Mit der Aufhebung des Privateigentums an den wichtigsten Produktionsmitteln im Sozialismus hört die Verfügung der Eigentümer über Produktionsmittel und Arbeitskraft der Lohnarbeiter zum Zweck der Mehrwerterzeugung und -aneignung sowie der Gewinnmaximierung auf, damit auch das Kapital selbst. Nicht mehr das von der Konkurrenz auf den Märkten beherrschte Gewinnstreben reguliert das Wirtschaftsleben, sondern das geplante Übereinkommen zwischen den Arbeitenden.

Bestimmende Vergesellschaftungsform der Arbeit im Sozialismus ist eine Kooperation der Produzierenden, die nicht vom Kapital erzwungen wird, sondern durch die Produzenten selbst stattfindet. Diese werden nicht durch das Kapital angewendet, um eine gemeinschaftliche Arbeitsleistung zu erbringen, sondern sie wenden ihre Arbeitskraft selbst an. Das Instrument der gemeinschaftlichen Selbstverfügung der Produzenten über ihre Arbeitskraft ist der Plan. Im Sozialismus werden keine Waren durch voneinander unabhängige Produzenten, sondern Güter durch im Rahmen dieses Plans voneinander abhängige Produzenten erzeugt. Dabei ist die zur Produktion eingesetzte und einzusetzende Arbeitszeit als „Ökonomie der Zeit“ die entscheidende Größe, die Produktion und Verteilung von Gütern bestimmt.

An die Stelle des Markts und des Tauschs tritt somit die Planung dessen, was in welcher Menge und mit welchem Einsatz von Ressourcen hergestellt und verteilt werden soll. Die Planung muss realistisch sein, also auf einer lückenlosen Kostenrechnung beruhen. Sie muss außerdem den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und ihnen politisch voraus sein.

Wirtschaftssubjekte im Sozialismus sind nicht mehr miteinander konkurrierende Individuen, sondern selbstverwaltete Produktions- und Reproduktionseinheiten. Diese nehmen von unten nach oben an der gesamtgesellschaftlichen Beschlussfassung teil. An deren Ergebnissen haben sich die zusätzlichen übergeordneten Einrichtungen (z. B. zentrale Planbehörden) zu orientieren. Die Entscheidungsfindung muss grundsätzlich demokratisch sein.

Geld dient im Sozialismus als Verrechnungseinheit der Kostenrechnung, der Steuerung des Einsatzes knapper Mittel und der Buchführung über die Verteilung. In diesen Funktionen kommt es auch im Kapitalismus zum Einsatz, allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Im Kapitalismus wird Geld regelmäßig und zwangsläufig auch zu Kapital. Seine Eigentümer vermögen also über fremde Arbeitskraft zu verfügen. Im Sozialismus ist das ausgeschlossen.

Die Preise der produzierten und noch zu produzierenden Güter werden im Sozialismus nicht auf Märkten (durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage) ermittelt. Sie werden vielmehr politisch bestimmt. Wichtigste Grundlage für die Entscheidungen über Löhne und Preise ist eine genaue Kenntnis darüber, welcher Aufwand an gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit in jedem Produkt und jeder Dienstleistung enthalten ist. Über die Planung der Investitionen und darüber, welche Produkte und Produktgruppen sowie welche Branchen gefördert oder verkleinert werden sollen, kann auch im Sozialismus nur rational entschieden werden, wenn genaue Aufwandsrechnungen vorliegen.

Der Lohn dient den Einzelnen zum Konsum/ zur eigenen Reproduktion. Auch im Kapitalismus wird über die Ausgaben zur Reproduktion meist nicht vom individuellen Lohnempfänger entschieden, sondern von Haushalten: in der Regel Familien, die – ebenso wie im Sozialismus – Reproduktionsgemeinschaften sind. Diese sind im Kapitalismus ebenfalls in ihrem Inneren üblicherweise Gütergemeinschaften, also insofern kommunistisch organisiert. Die Reproduktionseinheiten werden sich im Sozialismus wahrscheinlich stark wandeln und über die bisherigen Formen hinaus in größere Einheiten übergehen. Zugleich dürfte sich der gesamtgesellschaftliche Anteil an der Reproduktionsarbeit (Erziehung, Pflege, Gesundheit, Kultur, Sport) noch weiter erhöhen.

Der Sozialismus ist wie der Kapitalismus keine statische Gesellschaftsformation. Die Regeln, nach denen er funktioniert, ändern sich. Die Fähigkeit, die Produktion so zu planen, dass sie den Bedürfnissen der Menschen entspricht, muss von der Gesellschaft erlernt werden. Wenn alle Menschen nach ihren Fähigkeiten arbeiten und nach ihren Bedürfnissen Anteil am Erarbeiteten haben können (MEW 19, S. 21: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“), ist das Ziel des Sozialismus erreicht. Dieses wird als Kommunismus bezeichnet. Insofern ist der Sozialismus nur die Umwandlungsperiode vom Kapitalismus zum Kommunismus.

Historisches

Versuche, sozialistische Gesellschaften zu errichten, sind seit 1917 in mehreren Ländern unternommen worden. Dabei wurden folgende Erfahrungen gemacht:

Russland, wo 1917 mit der Schaffung der Grundlagen des Sozialismus begonnen wurde, sowie osteuropäische Länder und China, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg folgten, waren keine hoch entwickelten kapitalistischen Gesellschaften. Die sogenannte „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ in West-, Mittel- und Nordeuropa sowie in Nordamerika hatte mehrere Jahrhunderte gedauert und war außerordentlich gewaltsam. In der Sowjetunion fand dieser Prozess der Akkumulation von Produktionsmitteln, wenngleich nicht von Kapital, in wenigen Jahrzehnten statt, wodurch sich ein großer Teil der schweren Deformationen, mit denen sie verbunden gewesen ist, erklärt. Hier und in der Volksrepublik China endete der Versuch, einen Sozialismus zu errichten, im Kapitalismus.

In den Jahrzehnten zwischen 1917 und 1991, während derer in China, der Sowjetunion und Ost- und Mitteleuropa sozialistische Gesellschaften bestanden, sind dort einige Vorteile einer solchen Ordnung hervorgetreten:

Trotz der relativ kurzen Zeitspanne erwies es sich, dass öffentliches Eigentum und Planwirtschaft, nachdem sie einmal durchgesetzt und Anfangsschwierigkeiten überwunden waren, eine Entwicklung zu gewährleisten vermögen, die die dem Kapitalismus inhärenten Katastrophen vermeiden kann. Bestehendes Massenelend wurde beseitigt und erneuerte sich nicht. Unsicherheit der Existenz und Arbeitslosigkeit fehlten. Eine leistungsfähige Infrastruktur mit allgemeinem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung wurde errichtet. Frauen und Männer nahmen in beinahe gleichem Maße am Erwerbsleben teil. Ausbeutung von Ländern mit niedrigerem Entwicklungsstand fand nicht statt. Es fehlten die Gründe zu aggressivem ökonomischem und gewaltsamem Verhalten auf dem Weltmarkt. Militärische Rüstung, die stattfand, war eine Last für die Gesellschaft wie im Kapitalismus, aber anders als dort keine Quelle des Profits für Privateigentümer.

Aus diesen Erfolgen des bisherigen Sozialismus, aber auch aus seinem Scheitern können folgende Schlüsse gezogen werden:

Grundsätzlich gilt, dass der endgültige Sieg einer neuen Gesellschaftsformation letztlich nur dann möglich ist, wenn sie eine höhere Arbeitsproduktivität als die ihr vorangegangene kapitalistische erreicht. Die Produktivität war in den Gesellschaften des sowjetischen Typs nicht nur niedriger als in den kapitalistischen Kernländern, auch ihre Steigerung blieb (zuletzt) hinter dem Produktivitätsfortschritt im Westen zurück.

Nach einer Anfangsphase kräftig steigender Produktivität in der Sowjetunion und den nach 1945 sozialistisch gewordenen Ländern nahm ab den späten 50er und frühen 60er Jahren der Produktivitätszuwachs ab. In allen Ländern des damaligen Sozialismus (außer Albanien) gab es danach Versuche, dem Markt oder, wie es dort hieß, dem „Wertgesetz“ innerhalb der sonst sozialistisch geprägten Planwirtschaft mehr Geltung zu verschaffen. Es sieht aus heutiger Sicht nicht so aus, dass diese „Reformen“, selbst wenn sie unverdünnt zur Anwendung gekommen wären, zu einem nennenswerten Zuwachs der Arbeitsproduktivität geführt hätten. Wir neigen der Auffassung zu, dass die hinter der realen Entwicklung zurückbleibende Theorie der sozialistischen Wirtschaft und entsprechend fehlerhafte Planung der Gesellschaft zu den Hauptursachen der stagnativen Tendenzen gehört.

Schlussfolgerungen

  1. Dauerhaft wird Sozialismus erst verwirklicht werden können, wenn die Möglichkeit zu freier Kooperation der Produzenten gegeben ist und genutzt wird. Anders als in der untergegangenen Version des Sozialismus ist der Plan dann Instrument der gemeinschaftlichen Selbstverfügung der Produzenten.
  2. Sozialistische Gesellschaften können nur gelingen, wenn in ihnen eine zwar nicht unmittelbar entscheidungsrelevante, aber ungehinderte Öffentlichkeit für die Erkundung von verschiedenen Wegen gesellschaftlicher Entwicklung besteht und sie fähig sind, getroffene Entscheidungen zu überprüfen sowie – wenn sinnvoll – zu korrigieren.
  3. Sie werden bleiben, wenn sie
    • auf der Produktivität hochentwickelter kapitalistischer Gesellschaften aufbauen,
    • über eine vorausschauende, stimmige, kooperativ erstellte und realisierte Theorie, Planung und Praxis verfügen, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird sowie deren Kreativität Spielraum und Ermutigung gibt,
    • von der Mehrheit der Menschen getragen werden,
    • in der Systemauseinandersetzung mit kapitalistischen Gesellschaften sich zu behaupten imstande sind, und
    • sich dynamisch in Richtung Kommunismus entwickeln.

Zweite Antwort in einem Satz: Sozialismus ist nach Aufhebung des Privateigentums die kooperative und planmäßig organisierte Verfügung der Produzenten über die Produktion und sich selbst.