KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Briefwechsel von Hans-Peter Brenner und Hans Heinz Holz zur Zeitschrift »Theorie & Praxis«
Die Zeitschrift »Theorie & Praxis« war ab 2005 eine Zeitschrift, in der – wie Hans Heinz Holz im Editorial der ersten Ausgabe schreibt – für die gemeinsame Arbeit an „Fragen, deren Beantwortung für unsere Praxis unerlässlich ist“, ein Ort geschaffen wurde: „Der Arbeitskreis, der diese Initiative nimmt, kann und will nichts anderes sein als einer der Orte, an dem diese Zusammenarbeit erfolgt. Ein Brennpunkt für den Austausch von Informationen, Meinungen, Schlussfolgerungen.“ So fanden in T&P Diskussionen um das 2006 verabschiedete Parteiprogramm statt, und es erschienen dort wichtige Beiträge zur Kritik der 2010 veröffentlichten „Thesen des Sekretariats des PV“, mit denen die DKP in den Abweg des Sozialdemokratismus geführt werden sollte. Neben Holz war insbesondere die Münchener Genossin Renate Münder maßgeblich an der Zeitschrift beteiligt. In T&P schrieben Genossinnen und Genossen, die dann ab dem 20. Parteitag der DKP 2013 in der neuen Parteiführung Verantwortung übernahmen. Patrik Köbele gehörte bis zu seiner Wahl als Parteivorsitzender zum Herausgeberkreis der Zeitschrift. Auch in den Folgejahren war T&P ein Ort, an dem die Kritik an den in der Partei u. a. vom sogenannten „Netzwerk“ vertretenen rechtsopportunistischen Positionen artikuliert wurde oder auch Debatten um die Entwicklung der antifaschistischen Strategie in der DKP geführt wurden.
Im Heft 2 der Zeitschrift »Theorie & Praxis« vom September 2005 wurden Auszüge aus einem Briefwechsel zwischen Hans-Peter Brenner und Hans Heinz Holz dokumentiert. Da hierbei Vorwürfe eine Rolle spielen, die wir nun auch in Bezug auf »KlassenFragen« hören, scheint uns ein Verweis auf den damaligen Briefwechsel hilfreich.
T&P - Wozu?
Ich kann nicht nachvollziehen, wenn Hans Heinz im Editorial schreibt: „Für Arbeit an einer praxisbezogenen sozialistischen Theorie fehlt es gegenwärtig in unserem Land an den organisatorischen Plattformen. Sie können nicht einfach aus dem Boden gestampft werden. Sie müssen aus dem Austausch und der Auseinandersetzung wachsen.“
Dies unterschlägt in mir nicht nachvollziehbarer Weise, dass es seit 1918 in Form der KPD / DKP-SED-SEW genau diese „organisatorische Plattform“ gab und dass auch nach 1989 in Form der DKP diese „Plattform“ weiterexistiert.
Es ist doch die kommunistische Partei, in welcher die theoretischen und praktischen Erfahrungen kommunistischer Politik und marxistischer Theorie reflektiert, diskutiert und auch weiterentwickelt werden (müssen).
Wo denn sonst soll denn Theoriebildung stattfinden? Wo denn sonst als in der kommunistischen Partei bündeln sich die Erfahrungen der Marxisten-Leninisten aus Wissenschaft, Politik und politischer Praxis in Betrieb, Gewerkschaften und Kommunen?
Wo denn sonst als in der DKP hat es nach 1989/90 den Versuch gegeben, die gemeinsame Niederlage der Kommunisten in der BRD und in der DDR kollektiv auszuwerten? Wo denn sonst als in der „UZ“, in den „Marxistischen Blättern“ und in der „Marx-Engels-Stiftung“ suchen Kommunisten nach Antworten auf die neuen Fragen?
Die Einschätzung von Hans Heinz, dass diese organisatorische Plattform angeblich fehle, ist das nicht in der Konsequenz der Aufruf zur Schaffung eben einer neuen „organisatorischen Plattform“? Wo dann bitte schön wird diese ihren Platz haben? Als „Fraktion“ in der DKP oder als neue Gruppierung außerhalb? Hans Heinz und Dogan wissen doch, welche statutarischen Rechte, aber auch Pflichten (!) wir als Kommunistinnen und Kommunisten haben.
Alle positiven Beiträge zur Imperialismusfrage in „T&P“ Nr. 1 werden automatisch für uns als Mitglieder der DKP entwertet, indem sie aus dem kollektiven, organisatorischen und politischen Zusammenhang und Meinungsstreit herausgenommen und neben die Partei gestellt werden. Das darf doch so nicht sein! Der Meinungsstreit gehört in die Partei und in deren Strukturen und Medien. Die Partei als die Zusammenfassung des in ihr gebündelten Wissens der Kommunistinnen und Kommunisten ist der Ort der Diskussion und der Klärung von Differenzen.
Hans-Peter Brenner
Lieber Hans-Peter,
der 17. Parteitag und der PV haben zum Programm eine breite Diskussion der Parteibasis gefordert. Dafür sehe ich in der Tat keine ausreichende publizistische Ebene. Die UZ – das ist ausdrücklich nicht als Kritik gesagt – hat viele andere Aufgaben und kann nur gelegentlich und sehr selektiv Diskussionen durchziehen. Die MBL tun dies auf hohem theoretischem Niveau und flankieren damit die innerparteiliche Diskussion, aber sie können sie schon wegen des zweimonatigen Abstands nicht in Gang halten. Das gilt noch mehr für die ME-Stiftung. In der Programmkommission wurde oft beklagt, dass in den Grundorganisationen und Kreisen der Anstoß zur Diskussion der Programminhalte und anderer theoretischer Fragen fehle. Anstöße müssen von vielen Seiten kommen und unterschiedliche Erfahrungen einbringen. Auch von Marxisten, die nicht organisiert sind. T&P ist ein Versuch dazu. Dass es keine Alternative zur Einheit der Partei gibt – auch keine „Strömungspartei“ nach italienischem Muster –, habe ich oft genug gesagt und geschrieben.
Du aber argumentierst, als ob es ein Parteileben nur in der vom Apparat organisierten Form geben dürfte. Das ist nicht unser Parteiverständnis. Nur wenn an der Basis selbst Initiativen entstehen, in den Grundeinheiten Diskussionen stimuliert werden, die zur Bewusstseinsbildung der Genoss/innen beitragen, wird die Partei sich auch nach außen in jedem Genossen und durch jeden Genossen kämpferisch darstellen. Lenin hat uns da viele Beispiele geliefert. Und schon Engels schrieb an Kautsky: „Dass die Leute endlich einmal aufhören, die Parteibeamten – ihre eignen Diener – mit den ewigen Glacéhandschuhen anzufassen und vor ihnen wie vor unfehlbaren Bürokraten gehorsamst, statt kritisch, dazustehen, ist auch nötig.“
Mit herzlichen Grüßen
Hans Heinz