KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

Debatte – Antwort auf eine Zuschrift von Jörg Lang

Zu unserer Erstausgabe haben uns eine Reihe von Zuschriften erreicht. Mehrfach wurde darin betont, dass »KlassenFragen« als Chance angesehen wird, eine Diskussion um strittige Fragen anzustoßen. Auch inhaltliche Anmerkungen zu den Beiträgen in Heft 1 gab es. Auf eine wollen wir hier eingehen, weil es einerseits die ausführlichste Zuschrift war, andererseits aber auch, weil diese Zuschrift des Genossen Jörg Lang aus Stuttgart einige Grundannahmen erkennbar macht, welche ihn zu seinen kritischen Anmerkungen bringen und sich ebenfalls in Entwürfen und Referaten der Parteiführung wiederfinden.

Sieben Seiten umfasst die Zuschrift1 von Jörg Lang. Für diese Mühe danken wir ihm ausdrücklich. Sie verdeutlicht auch, wie sehr uns Alle die zur Diskussion stehenden Fragen umtreiben. Jörg leitet seinen Text mit der Bemerkung ein:

„Die März 2026-Ausgabe von KlassenFragen liefert bedenkenswerte Analysen. Den Herausgeberkreis treibt - wie auch mich und hoffentlich uns alle - die Sorge um die vergleichsweise Schwäche unserer Partei um - und dies angesichts eines immer zerstörerischen Imperialismus.“

Er stellt – und auch das ist dankenswert – weitere Gemeinsamkeiten heraus:

„Auch Ihr stellt fest, dass im Verhältnis zu diesen Gefahren der Widerstand dagegen hierzulande noch viel zu schwach ist. Ihm fehlt v.a. eine ‚klare Perspektive‘, und zwar gerade auf der Grundlage des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus und auch den historischen Erfahrungen der kommunitischen Partei. […]

Auch ich sehe die erwähnten Probleme und Defizite. Als Defizit sehe ich dabei v.a. auch, dass die DKP zwar viele richtige Analysen zum Imperialismus und insbesondere zum deutschen Imperialismus erarbeitet, aber abgesehen von Appellen eher schwach ist in der Entwicklung einer konkreten und nachvollziehbaren Strategie zur Überwindung dieses Imperialismus und zur Entwicklung des Sozialismus.“

Dann äußert er umfangreiche Kritik an Positionen aus unserem ersten Heft, auf die wir gerne eingehen wollen um Differenzen und Gemeinsamkeiten zu klären. Bei einigen Punkten fällt das schwer, weil die Kritik von Jörg da wenig konkret ist und unbelegte Vorwürfe enthält. (So z.B. wenn er von „Aversion gegenüber der heutigen Politik der VR China“ schreibt und uns vorwirft, „abstrakt dogmatisch und a-historisch“ zu analysieren.)

Wir verstehen aber das Folgende als die Überlegung, die seine Zuschrift durchzieht und hoffen, diese in Jörgs Sinn richtig wiedergeben zu können:

Die heutige Kriegsgefahr beruht auf einem zerstörerischen Imperialismus. Dem entgegenzuwirken ist die vordringende Aufgabe der Kommunisten. Strategisch sollen sie dazu im Bündnis „mit allen nur denkbaren Kräften“ national und international zuerst diese Gefahr abwenden. Die Frage, wie und mit wem Sozialismus aufgebaut werden kann, stellt sich zwar weiterhin – ist aber erst dann zu beantworten, wenn die Frage der Kriegsverhinderung zuvor beantwortet und gelöst ist.

Wir nehmen an, dass wir den Kern seiner Argumentation, die in der Zuschrift natürlich ausführlicher und mit mehr Details dargestellt ist, damit zutreffend wiedergegeben haben. Weil analoge Überlegungen nicht nur bei Jörg vorhanden sind und weil er uns – da wir die von ihm behauptete Abfolge strategischer Schritte nicht berücksichtigen würden – daraus den Vorwurf macht, „a-historisch und deshalb unmarxistische Argumentationen und abstrakte Dogmen der ‚reinen‘ Lehre“ zu flüchten, wollen wir uns in unserer Antwort darauf konzentrieren.

Über das menschheitsgefährdende Ausmaß der heutigen Kriegsgefahr besteht – wie Jörg zu Recht betont – Einigkeit. Differenzen bestehen aber bereits in der Bestimmung der Ursache der Kriegsgefahr. (Und weil die genaue Analyse der Wirklichkeit Grundlage unserer Strategie sein muss, ist die Klärung dieser Differenzen eben keine Flucht in die Theorie, sondern unverzichtbar für eine marxistische Arbeitsweise.) Jörg schreibt davon, der Imperialismus mit seiner Kriegsgefahr gehe „vom Westen, d.h. in erster Linie von den USA und den dort basierten aggressivsten Monopolfraktionen“ aus. Das ist ein anderer Ansatz, als den Imperialismus als eine global wirkende Produktionsweise zu verstehen; als ein System von monopolkapitalistisch geprägten ökonomischen, politischen, und weiteren Herrschaftsverhältnissen, welches aus den Widersprüchen der kapitalistischen Gesellschaftsformation hervorgeht. Die erstere Deutung interpretiert den Imperialismus als eine besonders aggressive Politik, als etwas, was von den Akteuren im Westen, von den in den USA beheimateten aggressivsten Monopolfraktionen betrieben wird. Die Kriegsdrohung ist dann ein Attribut, bloßer Bestandteil dieses Imperialismus. Und es erscheint als zweckmäßiger Weg zur Vermeidung des Krieges, die Herrschenden von dieser Beigabe abzubringen.

Wenn wir den Imperialismus aber als Entwicklungsstadium des Kapitalismus verstehen, welcher von den inneren Widersprüchen dieses Systems hervorgebracht wurde, dann erklären wir die Kriegsgefahr nicht als etwas von den Akteuren (z.B. wegen ihrer Gier, ihrer Unvernunft, ihrem Profitinteresse, also letztlich willkürlich) bewirkt wird, sondern als eine Gefahr, die gesetzmäßig entsteht aus der ungleichen Entwicklung der nationalstaatlich zusammengefassten monopolkapitalistischen Ökonomien. Wir meinen, damit der marxistischen Imperialismusanalyse Lenins zu folgen. So verstanden hilft es dann aber nicht, die Akteure – durch Aufklärung über deren Unvernunft, durch Überzeugung besserer Wege oder auch durch Zwang – von ihrem aggressiven Vorhaben abzubringen: die Produktionsweise des Imperialismus wird stets die passenden Akteure neu hervorbringen. Ohne Kampf gegen die zugrundeliegende Produktionsweise wird sich die Kriegsgefahr nicht beheben lassen und mehr noch: ohne die Perspektive, den Kapitalismus/Imperialismus zu überwinden, ohne Bewusstsein von der Notwendigkeit des Klassenkampfs wird auch der Kampf gegen die Kriegsgefahr immer wieder in die Falle gehen, von der Lenin spricht, wenn er sagt, die Menschen wären „stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug, und sie werden es immer sein“ und „von den Verteidigern des Alten übertölpelt werden“ – nämlich solange sie nicht begreifen, „dass sich jede alte Einrichtung, wie sinnlos und faul sie auch erscheinen mag, durch die Kräfte dieser oder jener herrschenden Klassen behauptet.“2

Es ist eben kein scholastischer Kampf um „reine Theorie“, sondern es ist eine grundsätzliche Entscheidung für unsere Strategie, ob wir meinen – wie Jörg es empfiehlt – die Frage der Kriegsverhinderung könne zuerst „beantwortet und gelöst“ werden – also zumindest zeitlich losgelöst vom Klassenkampf um den Charakter der Gesellschaftsordnung.

Jörg weist darauf hin, „dass diese umfassende Gefahr heute – anders als in der bisherigen Geschichte des Klassenkampfs bzw. der Klassenkämpfe! – eben nicht mehr nur v.a. die arbeitenden Menschen, ihre Klasse und ihre Bewegungen lebensgefährlich bedroht, sondern immer unausweichlicher alle Menschen, ja auch die Eliten der Monopolkapitale selbst, einschließlich auch ihrer Kinder.“ Es ist Tatsache, dass die drohende Gefahr eines katastrophalen Weltkriegs auch die Mitglieder der herrschenden Klasse nicht ausspart. (Selbst deren private Bunker und perversen Weltraum-Flucht Ideen ändern nichts an der Vernichtung der ganzen Zivilisation und Verlust jeglicher gesellschaftlicher Beziehungen.) Ein Fehler ist es jedoch, aus dieser Tatsache zu schließen, der Kampf zur Verhinderung des Kriegs sei deswegen auch unabhängig von Klassenfragen zu gewinnen. Dies würde an die einlullende Ideologie der „Menschheitsfragen“ aus Gorbatschows Zeiten erinnern. Es bleibt notwendig, die gesellschaftlichen Verhältnisse stets konkret als Klassenverhältnisse zu analysieren. (Und damit auch die Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen zu verstehen.)

Als fehlerhaft – allerdings konsequent, weil auf vorausgehenden Fehleinschätzungen beruhend – erscheint uns, wenn aus der vermeintlichen Vorrangstellung der Friedensfrage geschlossen wird, der Friedenskampf könne als Bündnispartner nicht „die klassischen nationalen Arbeiterbewegungen“ genügen, sondern es gehe darum, „auch bestimmte Teile der Monopolkapitale einzubeziehen“. Hier zeigt sich, wie aus fehlerhaftem Verständnis der alles bestimmenden Klassenfragen eine Handlungsorientierung wird, bei der die Arbeiterbewegung zum Bündnispartner degradiert wird (und ihr dann auch noch bescheinigt wird, dass sie dazu auch nicht „genüge“). Wer ist denn dann das Subjekt dieser Strategie, bei der wir meinen, die Arbeiterbewegung als Bündnispartner gewinnen zu sollen, und Teile des Monopolkapitals noch dazu? Sind das wir Kommunisten? Dann wären wir über die Arbeiterklasse erhoben und würden ihr unsere vernünftigen Ziele (die wir anscheinend auch mit Teilen der Monopole teilen) von außen diktieren. Das führt zum Dogmatismus, bei dem die Arbeiterklasse als die entscheidende selbstbewusste Kraft aus dem Horizont unserer Programmatik verschwindet.

 

Es ist klar, dass diese Antworten auf die Zuschrift des Genossen Jörg Lang nur einige der von ihm angesprochenen Themen behandelt. Wir haben uns bewusst darauf beschränkt, was wir als zentral für die weitere Diskussion in der Partei erachten. Wir begrüßen es und sind dankbar, wenn sich Jörg ebenso wie möglichst viele weitere Genossinnen und Genossen daran beteiligen und so dazu beitragen, die DKP klüger und stärker zu machen.

 

1 Die Zuschrift haben wir vollständig auf unserer Webseite www.klassenfragen.org gestellt.
2 W.I.Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, LW19, S.8