KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Materialistische Geschichtsschreibung
„Socialism Betrayed: Behind the Collapse of the Soviet Union“ von Roger Keeran und Thomas Kenny
Warum konnte die Konterrevolution in der Sowjetunion siegen? Gab es einen Konstruktionsfehler im Sozialismus und können wir uns dementsprechend für künftige Konzeptionen einer anderen Gesellschaft überhaupt an der Sowjetunion und den anderen realsozialistischen Staaten orientieren? Viele finden auf solche Fragen idealistische Antworten in vermeintlich mangelnder Demokratie und der Unterdrückung politischer Gegner. Andere bohren tiefer und gehen die Sache materialistisch und ohne Vorurteile an. Keeran und Kenny beschäftigen sich in ihrem 2010 veröffentlichten Buch mit der geschichtlichen Entwicklung der Sowjetunion, der Politik der KPdSU und ihrem Zusammenhang mit der ökonomischen Basis der Gesellschaft. Zentral ist dabei die These, dass sich von Beginn bis Ende zwei in Konkurrenz zueinanderstehende Tendenzen durch die sowjetische Politik zogen.
Bei allen konkreten Unterschieden sehen die Autoren eine politische Kontinuität des rechten Opportunismus, die von Nikolai Bucharin über Nikita Chruschtschow bis hin zum späten Michail Gorbatschow reichte. Auf der anderen Seite steht eine Linie, die unter anderem repräsentiert wird von Lenin, Stalin, Molotow und Juri Andropow. Die zwei Pole bildeten sich laut Keeran und Kenny, „da die Sieger der Russischen Revolution zwei Klassen waren: die Arbeiterklasse und das Kleinbürgertum, vor allem die Bauernschaft.“ (S.17)1
Im Herangehen an den Aufbau des Sozialismus gab es bei beiden Flügeln erhebliche Unterschiede. Die Linie der Arbeiterklasse bevorzugte den schnellen Aufbau einer Industrie, die Kollektivierung der Landwirtschaft und eine Politik der Stärkung der Kommunistischen Partei, vor allem im Hinblick auf die zentrale ökonomische Planung. Die Politik im Interesse des Kleinbürgertums wiederum „befürwortete den Aufbau des Sozialismus schrittweise, indem Aspekte des Kapitalismus beibehalten oder integriert wurden, beispielsweise die Beibehaltung des Privateigentums, wettbewerbsorientierte Märkte und Gewinnanreize.“ (S.18)
Die Basis für diese marktwirtschaftlichen Ideen stellten zunächst die Klasse der Bauern und diejenigen, die sich im Rahmen der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) privatwirtschaftlich betätigten. Die Bauern verwandelten sich allerdings mit der Zeit in landwirtschaftliche Arbeiter und die NÖP wurde spätestens 1928 eingestellt. Was also war die ökonomische Basis, auf deren Grundlage sozialdemokratische Ideen, die die Beibehaltung des Privateigentums forderten, weiterbestehen konnten? Keeran und Kenny sehen diese in den Teilen der Bevölkerung, „die einer privaten wirtschaftlichen Tätigkeit zum persönlichen Gewinn nachging, und zwar in einer „zweiten Wirtschaft“, die neben der ersten, sozialistischen Wirtschaft existierte.“ (S.63) Darunter fallen kleine Reparaturen, Dienstleistungen und Tauschgeschäfte, aber auch der illegale Schwarzmarkt und Schwarzarbeit. Vor allem dort, wo die zweite Wirtschaft Ressourcen zu ihren Gunsten umleitete, schädigte sie die sozialistische Wirtschaft. Sie erschwerte die Fähigkeit zur Planung, verstärkte die ökonomische Ungleichheit und schürte so die Motivation, sich an der illegalen Wirtschaft zu beteiligen. Und: Wer in der zweiten Ökonomie wirtschaftete, brauchte gute Kontakte zu Staat und Partei, um das eigene, meist halb-legale Geschäft vor polizeilicher Verfolgung zu sichern, aber auch, um an bestimmte Produkte überhaupt heranzukommen. Das war idealer Nährboden für Korruption, die dann wiederum dem Ansehen und der Führungsrolle der KPdSU massiv schadete. Hierin und in der zu starken Öffnung der Partei für nicht-proletarische Teile des Volkes sehen die Autoren Gründe für die schwächer werdende Verbindung der Partei zur Arbeiterklasse.
Keeran und Kenny liefern im Kapitel über die zweite Wirtschaft eine umfangreiche Darstellung des Forschungsstandes über den Umfang der privatwirtschaftlichen Tätigkeiten. Formen von Privatwirtschaft gab es in der Sowjetunion immer. Sie wurden unter Stalin zurückgedrängt, wuchsen ab den 1960ern aber stetig. Die Autoren gehen für das Jahr 1988 davon aus, dass der (legale und illegale) Anteil der jährlichen Einkommen der privaten Haushalte etwa bei 30% lag. Das hatte gesamtgesellschaftliche Folgen, weil die Tätigkeiten, die diese Einkommen erwirtschaften, der staatlichen Planung mehr oder weniger entzogen sind. Dieser Umstand führte in den 80ern zu wirtschaftlichen und politischen Problemen, die die Sowjetunion zwangen, Reformen durchzuführen, die Gorbatschow zum Vorwand nahm, den Sozialismus abzuwickeln. Die zweite Wirtschaft stellte die „wirtschaftliche Grundlage für die Ideen und politischen Maßnahmen, die Gorbatschow schließlich umsetzte und die den sowjetischen Sozialismus zum Scheitern verurteilten.“ (S.76)
Die Lösung der wirtschaftlichen Probleme sah Gorbatschow in einem „dritten Weg“, der im Wesentlichen den Ideen von Bucharin und Chruschtschow entsprach. Kern waren die uneingeschränkte Legalisierung der zweiten Wirtschaft, Privatisierungen und die massive Schwächung der Kommunistischen Partei. Nicht ökonomische Krisen führten zum Untergang, sondern der Opportunismus, der sich vermittelt durch Gorbatschow und seine Anhänger in der kommunistischen Partei breit machte. Die zweite Ökonomie bot, so Keeran und Kenny, die ökonomische Basis, auf der Opportunismus und Verrat wachsen konnten. Sie hatte aber auch einen erheblichen Anteil an der Wirtschaftskrise Ende der 80er, die eine Situation erzeugte, in der sich die Konterrevolution, getragen von einer großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung, durchsetzen konnte. Noch Mitte der 80er war die ökonomische Lage der Sowjetunion problematisch, aber nicht aussichtslos. 1985 und 1986 stiegen Produktion und Konsumption an, die Wirtschaft wuchs je 1-2%. Die katastrophalen Entwicklungen der späten 80er waren jedoch hervorgerufen durch die Marktreformen im Rahmen der Perestroika-Reformen Gorbatschows.
Bei aller Kritik an der Politik Gorbatschows und seiner geistigen Vorgänger machen die Autoren nicht den idealistischen Fehler, diesen als bezahlten Agenten darzustellen, was gewissermaßen die Gegenseite zur sozialdemokratischen Verteufelung Stalins darstellen würde. Die Stärke des Buchs liegt darin, dass es den Blick auf die Klassenlage lenkt, die als Basis des Opportunismus dient. Die Erkenntnis, dass Ideen und Entscheidungen eine materielle Basis haben, ist nicht neu, sondern im Gegenteil grundlegend für unsere Weltanschauung. Sie aber auf die Sowjetunion anzuwenden ist die große Leistung von Keeran und Kenny.
Trotz einiger guter Ansätze im Buch bleibt noch ungeklärt: Wieso konnten sich opportunistische Positionen in der Sowjetunion (und in anderen realsozialistischen Staaten) immer wieder durchsetzen? Was hätte dagegen unternommen werden können? Wie konnte Chruschtschow auf Stalin folgen, wie Gorbatschow an die Macht kommen? Wie konkret und wie bewusst spiegelte sich die materielle Basis im Bewusstsein der Opportunisten wider? Sicherlich liefern die objektiven materiellen Gegebenheiten (Krisen, Druck durch den Imperialismus, die Einstellungen im Volk, der Schwarzmarkt) hierfür einige Anhaltspunkte; sie erklären aber nicht alles.
Künftige Untersuchungen werden sich verstärkt mit Fragen der Aufrechterhaltung der richtigen Weltanschauung in der Partei beschäftigen müssen. Berechtigterweise betonen Keeran und Kenny die Bedeutung des subjektiven Faktors beim Aufbau des Sozialismus. Sie vergleichen den Kapitalismus mit einem primitiven Floß, das ohne große Steuerung seinem Ziel entgegen schwimmt. Der Sozialismus hingegen sei wie ein modernes Flugzeug – es ist dem Floß um ein Vielfaches überlegen, aber es handelt sich eben auch um ein vielfach komplexeres System. Kleine Fehler können große Auswirkungen haben und die Steuerung ist viel entscheidender, wenn das Flugzeug erfolgreich fliegen und nicht abstürzen soll.
1 Eine dritte, ultralinke Position, die darauf hinauslief, das Bündnis von Arbeiterklasse und Bauernschaft aufzukündigen, wurde phasenweise von Leonid Trotzki vertreten. Vergleiche dazu den Beitrag zu den Irrtümern über die NÖP in dieser Ausgabe von Klassenfragen.