KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

Uwe Behrens: Drei Bücher über China – und was man davon lernen kann

von Markus Bernd

Uwe Behrens hat sich bislang in drei Büchern mit China auseinandergesetzt: Feindbild China (2021), Der Umbau der Welt – Wohin führt die Neue Seidenstraße (2022) und Chinas Gegenentwurf – Ein Weg in die Zukunft (2025). In der UZ wurden die Bücher als „wegweisende Bücher“1 gelobt. Björn Blach resümierte: „Dennoch kommt an dieser Publikation niemand vorbei“.2 Zudem schreibt Behrens regelmäßig für die UZ zu China und vertrat auf der „China-Konferenz“ 2023 des PV die Linie zur Neuen Seidenstraße. Das sind gute Gründe, seine Bücher genauer zu lesen.

Der in der DDR promovierte Logistiker konnte nach 1990 im China-Geschäft Fuß fassen. Gerade darauf beruht der besondere Wert seiner Bücher: Am stärksten ist Behrens dort, wo er aus eigener Erfahrung berichtet. Feindbild China (2021) ist daher das überzeugendste seiner Werke. Die Erinnerungen eines DDR-Bürgers an der Schwelle der Konterrevolution, der sich plötzlich zwischen den Welten bewegt, sind lebendig erzählt. Seine Schilderungen der Arbeit als Logistiker mit staatlichen Stellen, die den ersten Schritt in der Marktwirtschaft gehen, eröffnen Einblicke in die Konsolidierung der Reform- und Öffnungspolitik der 1990er Jahre, wie sie heute kaum noch zu finden sind. Gerade seine betriebswirtschaftlichen Beobachtungen wirken fundiert. Sobald Behrens jedoch die Ebene der Erinnerung verlässt und politische Schlussfolgerungen zieht, treten die Schwächen seiner Argumentation hervor.

Deutlich wird das im Umbau der Welt (2022), in dem sich Behrens am ausführlichsten mit der Außenwirtschaftspolitik der VR China beschäftigt. Nach einem Überblick über Entstehung und Projekte der Neuen Seidenstraße referiert er zunächst unstrittige Fakten, etwa welche chinesischen Banken den Kapitalexport finanzieren.3 Auch problematische Aspekte chinesischer Investitionen – von Umweltzerstörung bis zur Vertreibung der Bevölkerung für Infrastrukturprojekte – werden erwähnt.4 Eine eigenständige Analyse entwickelt das Buch jedoch nicht. Stattdessen stützt sich Behrens vor allem auf diejenigen bürgerlichen Autoren, deren Einschätzungen seine Position bestätigen, und schafft es damit bürgerliche Panikmache zu widerlegen. Eine inhaltliche Bestimmung oder eigene Befassung mit dem Wirken von Kapitalexporten entlang der Seidenstraße leistet er jedoch nicht. Am Ende reicht ihm das Erfolgsargument in den spärlichen Statistiken, die einen Anstieg der Infrastrukturprojekte weltweit belegen. Das ist Journalismus, der sich durch seine besonderen Blickwinkel von bürgerlichen Zeitungen unterscheidet, aber keine tieferen marxistisch fundierten Erkenntnisse zutage fördert.

So erscheint China einerseits als Möglichkeit für Entwicklungsländer, sich von kapitalistischen Institutionen unabhängiger zu machen5, während Behrens unmittelbar anschließend Chinas Rolle innerhalb eben solcher (kapitalistisch organisierten) Institutionen wie der African Development Bank beschreibt6, ohne diesen Widerspruch aufzulösen. Insgesamt beschreibt er die chinesische Außenwirtschaft als normalen kapitalistischen Wettbewerb, dessen Besonderheit allein im Verzicht auf politische „Bevormundung“ liege.7 Die guten Absichten, die China abseits der wirtschaftlichen Interessen, verfolge, muss man ihm glauben. Belege dafür liefert er nicht.

Auch Chinas Gegenentwurf (2025) lebt zunächst von den Stärken des Autors. Behrens beschreibt den chinesischen Alltag anschaulich – bisweilen verklärend, etwa wenn es um Toiletten in Beijing geht, dann wieder offen, wenn er den aussichtslosen Kampf enteigneter Bauern gegen ein Unternehmen schildert.8 Fast immer bewahrt er dabei einen grundsätzlich positiven Blick auf die Entwicklung Chinas.

Besonders aufschlussreich wird das Buch jedoch dort, wo Behrens sein theoretisches Verständnis offenlegt. Die Erkenntnisse aus dem Kapital seien auf Asien „überhaupt nicht übertragbar“, da dort „traditionell andere Lebens- und Gesellschaftsvorstellungen“ herrschten.9 Statt einer marxistischen Analyse entwickelt er einen kulturrelativistischen Ansatz: China erscheint vor allem deshalb besonders, weil es anders sei. Chinesische marxistische Debatten bleiben ausgeblendet.

Bezeichnend ist, dass sich für Behrens die Frage, ob China sozialistisch oder kapitalistisch sei, kaum stellt. Dass eine Gesellschaft zugleich kapitalistisch und sozialistisch sein könne, deutet er als Ausdruck der Einheit der Gegensätze in der chinesischen Philosophie.10 Anders als viele Apologeten bestreitet er den Kapitalismus in China nicht. Vielmehr konstatiert er die kapitalistische Realität Chinas, deren negative Folgen wiederum durch das kluge Handeln der KPCh begrenzt würden.11

Gerade deshalb sind seine Schilderungen der Reformzeit so interessant, die wie dargelegt auch auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Entgegen anderen Autoren der UZ übernimmt Behrens nicht einfach die offizielle chinesische Geschichtserzählung. Er beschreibt die Reformen zutreffend als von oben eingeleiteten Prozess12 und schildert Privatisierung und Entdemokratisierung der Wirtschaft nüchtern als Übernahme durch „Manager“, aus denen Kapitalisten wurden.13 Ebenso stellt er fest, dass auf „allen Ebenen der Administration und der Partei“ Kapitalisten dominieren14 und eine Zuordnung der Parteimitglieder zu einer Klasse kaum noch möglich sei.15 Zustimmend zitiert er Einschätzungen, wonach Xi weder an Marx noch an Lenin oder dem Kommunismus interessiert sei, sondern an der chinesischen Zivilisation16.

An anderen Stellen bleibt seine Position oberflächlich. So behauptet Behrens, die KPCh habe die Reformpolitik „gemeinsam mit den Arbeitern“ auf den Industriesektor übertragen, ohne dies zu belegen. Wiederholt verweist er auf die NÖP und die „Kommandohöhen“ der Wirtschaft, ohne deren Bedeutung näher zu bestimmen.17 Zwar stellt er zutreffend fest, dass die Staatsbetriebe in den 1980er Jahren nicht privatisiert wurden, verschweigt aber, dass genau dies ab 1992 zum Kernstück der „sozialistischen Marktwirtschaft“ wurde. Hinzu kommen Widersprüche, etwa wenn unter Xi zugleich stärkere Weltmarktintegration Wachstum schaffen und die Abhängigkeit vom Weltmarkt verringern soll.18

Der Wert von Behrens' Büchern liegt deshalb weniger in ihrer politischen Analyse als in ihrem Charakter als Erfahrungsberichte. Seine Schilderungen des chinesischen Alltags und der Umbrüche seit den 1990er Jahren sind authentisch und lesenswert. Der Autor räumt selbst ein, nie wissenschaftlich gearbeitet zu haben. Entsprechend verlieren seine Bücher an Überzeugungskraft, sobald sie das Erlebte in ein allgemeines politisches Deutungsmuster einordnen. So beschreibt er Südostasien als friedliche Region, in der Ethnien und Religionen „friedlich zusammenleben“19, obwohl zur selben Zeit der Bürgerkrieg in Myanmar, der Konflikt in Westpapua oder Grenzkämpfe zwischen Thailand und Kambodscha diesem Bild mehr als offensichtlich widersprechen.

Behrens betreibt keinen wissenschaftlichen Sozialismus. Meist stellt er gängigen Auffassungen über China seine eigene Sicht gegenüber, ohne sich mit den zugrunde liegenden Argumenten systematisch auseinanderzusetzen. Gerade deshalb verdienen seine Bücher eine kritische Lektüre.

Vor diesem Hintergrund wirft ihre nahezu ausschließlich positive Rezeption in der UZ Fragen auf. Auffällig ist weniger, dass Behrens als China-Experte herangezogen wird, sondern dass seine teils eigenständigen und von Positionen des Parteivorstands abweichenden Auffassungen kaum diskutiert werden. Der Verweis auf ihn und seine Bücher dient häufig als Beleg für ein positives China-Bild, ohne zentrale Aussagen zur chinesischen Gesellschaft, zur Restauration des Kapitalismus, zur Klassenbasis der KPCh zu reflektieren. Damit wird man weder der Debatte über China noch Behrens als Autor gerecht. Denn gerade weil seine Bücher auf jahrzehntelanger Erfahrung beruhen, lohnt es sich, sie nicht selektiv zustimmend zu zitieren, sondern in Gänze wahrzunehmen und kritisch zu lesen.

1 Conny Renkl: Wann, wenn nicht jetzt?, in: Unsere Zeit (UZ) vom 18. November 2022, online: https://www.unsere-zeit.de/wann-wenn-nicht-jetzt-4774474/.
2 Björn Blach: Aufstiegschance für die Unterdrückten, in: Unsere Zeit (UZ) vom 3. Juni 2022, online: https://www.unsere-zeit.de/aufstiegschance-fuer-die-unterdrueckten-169441/.
3 Uwe Behrens: Der Umbau der Welt. Wohin führt die Neue Seidenstraße?, Berlin: edition ost 2022, S. 62.
4 Ebd., S. 154.
5 Ebd., S. 167.
6 Ebd., S. 168.
7 Ebd., S. 252.
8 Uwe Behrens: Chinas Gegenentwurf. Ein Weg in die Zukunft?, Berlin: edition ost 2025, S. 63–64.
9 Ebd., S. 9.
10 Ebd., S. 243.
11 Ebd., S. 249.
12 Uwe Behrens: Feindbild China. Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen, Berlin: edition ost 2021, S. 87.
13 Ebd., S. 88.
14 Behrens: Chinas Gegenentwurf, S. 251.
15 Ebd., S. 253.
16 Ebd. S. 239.
17 Ebd., S. 247.
18 Ebd., S. 249.
19 Ebd., S. 239.