KlassenFragen - Zeitschrift für kommunistische Debatte und Politik

KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026

Markt contra Emanzipation

Blockade, Markt und die Wiederkehr überwundener Ungleichheit – ein Bericht aus einem Gespräch mit einer kubanischen Soziologin.

von Tomke Blotekamp

Mit dem Sieg der Revolution im Jahr 1959 hat Kuba die Zeit der Fremdbestimmung und Abhängigkeit von den USA überwunden und mit der Weichenstellung für den sozialistischen Aufbau seine Wirtschaft am Interesse der kubanischen Bevölkerung ausgerichtet. Dazu wurde der Großgrundbesitz aufgelöst, Unternehmen weitestgehend enteignet, die Produktion verstaatlicht und geplant. Seitdem gilt die kubanische Revolution als Vorbild für andere Befreiungsbewegungen weltweit. Den USA war und ist das sozialistische Beispiel vor der eigenen Haustür selbstverständlich von Anfang an ein Dorn im Auge. So bauten sie seit den 1960er Jahren eine Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade auf, die den Zugang zum kapitalistischen Weltmarkt für die sozialistische Insel massiv einschränkte. Mit dem Ende der Sowjetunion und des RGW schlug die Blockade massiv gegen Kuba durch und wurde zugleich - mit Unterbrechung durch die Obama-Regierung - immer weiter verschärft. Heute ist sie umfangreicher denn je und wird auch immer präziser angewendet. Medikamente, Vorprodukte, Ersatzteile und Maschinen können, selbst wenn Kuba sie mit Devisen bezahlt, durch staatliche Betriebe und Institutionen nicht importiert werden – jeder Lebensbereich ist dramatisch von der Blockade betroffen.

Die kubanische Revolution steht aufgrund der Verschärfung der US-Blockade aktuell vor der vielleicht größten Herausforderung ihrer Geschichte. Seit Anfang Februar hat (mit einer Ausnahme) kein Öltanker mehr Kuba erreicht.1 Viele Errungenschaften der Revolution sind in bisher nicht gekanntem Ausmaß bedroht. Es gibt oft nur zwei bis drei Stunden täglich Strom, manchmal auch keinen. Das System der öffentlichen Verkehrsmittel ist teilweise zusammengebrochen, weil es nur sehr wenig Treibstoff (und den zu europäischen Preisen) gibt. Gerade im Osten des Landes sind Fahrrad und Pferd aktuell die wichtigsten Verkehrsmittel. Schulen und Universitäten arbeiten in reduziertem Umfang und größeren Kursen. Die Preise für Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs haben sich vervielfacht und sind für einen Durchschnittsverdienst kaum noch erschwinglich. Nicht nur Armut ist sichtbar, sondern auch der Reichtum derjenigen, die diese Preise noch bezahlen können. Es gibt stellenweise Lebensmittelunterversorgung, die Lebenserwartung sinkt, die Säuglingssterblichkeit steigt2, es gibt unermessliches, vermeidbares Leid.

Unter diesen Bedingungen schafft es das kubanische Volk bisher dennoch, den Sozialismus zu verteidigen. Die Revolution brachte enorme Verbesserungen von Lebenserwartung, Bildungszugang, Gesundheit, Wohnraum, demokratischer Mitbestimmung und Arbeitsbedingungen. Besonders profitierten davon die Bauern, die Arbeiterklasse, Schwarze, Frauen, Kinder, ältere Menschen – alle Klassen und gesellschaftlichen Gruppen, die vorher besonders unterdrückt oder schlecht gestellt waren.

Sie sind es auch, die heute am meisten zu verlieren haben. Die Blockade hat das Ziel, das sozialistische Kuba zu zerstören und setzt die Errungenschaften der Revolution massiv unter Druck. Wenn der Krankenwagen aufgrund der Blockade kein Benzin hat oder keine Ersatzteile für Ultraschallgeräte importiert werden können, tauchen alte, durch die Revolution überwundene Ungleichheiten wieder auf.

Blockade contra Revolution

In den letzten Jahren sah sich Kuba mit der Notwendigkeit konfrontiert, begrenzte Marktöffnungen zuzulassen. Die Erneuerung des alten planwirtschaftlichen Modells der Wirtschaftslenkung, wie sie Kuba seit etwa 2011 betreibt, hat neben anderen Intentionen auch das Ziel, die US-Blockade zu umgehen und den Import dringend benötigter Waren und Investitionen zu ermöglichen. Das Kalkül ist dabei, dass Privatunternehmen weniger von der US-Blockade betroffen sind als Staatsbetriebe oder Militär-nahe Gesellschaften. Denn das ist das Ziel der Blockade: den Kapitalismus auf Kuba zu restaurieren, die Bevölkerung zu brechen uns so Kuba wieder zum Hinterhof der USA zu machen.

Die wirtschaftlichen Öffnungen der vergangenen Jahre haben wichtige neue Einkommensquellen geschaffen, von denen jedoch nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen profitieren. Besonders der wachsende private Sektor, die Möglichkeit zur Gründung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie Einkünfte aus dem Ausland haben neue soziale Schichten entstehen lassen. Menschen, die Verwandte im Ausland haben und dadurch Überweisungen erhalten oder über die finanziellen Mittel verfügen, ein Unternehmen zu gründen, können ihre wirtschaftliche Situation deutlich verbessern.

Ein Beispiel: Einen der berühmten alten „Ami-Schlitten“ in Havanna zu besitzen war nach der Revolution kein besonderes Privileg mehr, weil Mobilität durch einen guten und für rein symbolische Preise nutzbaren Öffentlichen Nahverkehr garantiert wurde. Im Gegenteil: Die hohen Unterhaltungskosten für das Auto machen es zu einem teuren Hobby. Oder: Ob man im Zentrum von Havanna oder am Stadtrand wohnt, machte keinen großen Unterschied. Die Errungenschaften der Revolution sind für alle zugänglich. Bildung, Kultur und Freizeitgestaltung wurden bis in den letzten Winkel der Insel gebracht. Die verschärfte Blockade und die Wirtschaftsmaßnahmen haben die Situation schrittweise geändert: Ein Auto ist jetzt eine mögliche Unternehmensgrundlage, ein Haus in Havanna-Zentrum ein Ort, um ein lukratives Geschäft zu eröffnen. Das geht am Stadtrand nicht. In Havanna-Zentrum wohnen eher die Nachfahren der weißen Mittelschicht. Autobesitzer sind eher männlich als weiblich. Alte, überwundene Unterschiede, von der Revolution weitgehend bedeutungslos gemacht, tauchen mit den Marktreformen wieder auf.

Die Stellung der Frau

Durch die Revolution hat sich die gesellschaftliche Stellung der Frauen erheblich verbessert. Frauen sind heute stärker in den Arbeitsprozess integriert, verfügen über weitreichende körperliche und sexuelle Selbstbestimmung und können Erwerbstätigkeit und Mutterschaft grundsätzlich miteinander vereinbaren. Staatliche Programme zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt unterstreichen den politischen Anspruch, Gleichstellung aktiv zu fördern. 55,3 Prozent der Abgeordneten im Parlament sind Frauen.

Als Ergebnis der Wirtschaftsreformen werden heute die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten wieder größer: Männer verbringen insgesamt mehr Zeit in bezahlter Erwerbsarbeit und sind häufiger in Genossenschaften, der Selbstständigkeit oder kleinen und mittleren Privatunternehmen tätig. Während Männer vor allem im produzierenden Gewerbe beschäftigt sind, arbeiten Frauen dagegen überwiegend im sogenannten Dienstleistungssektor – genau jenem Bereich, in dem in den vergangenen Jahren besonders viele Stellen abgebaut und die Arbeitsbelastung gleichzeitig erhöht wurde. In der Landwirtschaft besitzen Frauen deutlich seltener eigenes Land als Männer. Stattdessen arbeiten viele als Helferinnen innerhalb familiärer Betriebe, ohne ein eigenes Einkommen zu erzielen. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und ungleiche Einkommensmöglichkeiten führen dazu, dass soziale Unterschiede auch auf dem Land wieder zunehmen. Gleichzeitig erschwert der Markt eine geplante, gleichmäßige Entwicklung des ländlichen Raums.

Die materielle Basis für Rassismus

Die Revolution bekämpfte den institutionellen und strukturellen Rassismus und verbesserte die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung erheblich. Der gleichberechtigte Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Land führte zu einer deutlichen sozialen Aufwertung vieler afro-kubanischer Familien.

Doch auch hier sieht die Soziologin in der jüngeren Vergangenheit Veränderungen: Weiße Kubanerinnen und Kubaner verfügen heute häufiger über ein kleines Unternehmen oder sind in der Befehlskette in Unternehmen weiter oben angesiedelt. Schwarze Menschen hingegen sind häufiger in informellen Beschäftigungsverhältnissen tätig, die mit geringerer sozialer Absicherung und unsichereren Arbeitsbedingungen verbunden sind. Besonders schwarze Männer brechen ihre Ausbildung häufiger ab, um früh zum Familieneinkommen beizutragen, wodurch ihre Chancen auf höher qualifizierte Berufe sinken. Hinzu kommen Unterschiede in den Lebensbedingungen: Schwarze Familien leben häufiger in überfüllten Wohnungen, verfügen seltener über elektrische Haushaltsgeräte und wohnen öfter in Gebäuden mit schlechterem baulichen Zustand.

Die sozialistischen Errungenschaften verteidigen

Das Wissen des kubanischen Volkes darum, dass nur die Revolution und der Sozialismus Kuba seine Souveränität und Unabhängigkeit ermöglicht haben und bis heute garantieren, ist das größte Faustpfand der kubanischen Revolution. Auf Kuba sind die Bedürfnisse der Menschen, Menschlichkeit und Solidarität das Maß aller Dinge – das konnte sich nur in einer Gesellschaft ohne Konkurrenz entwickeln.

Kuba widersteht jeden Tag, verteidigt die Errungenschaften der Revolution und versucht die Folgen der Blockade so weitgehend wie möglich sozial abzumildern. Gleichzeitig hat die Wiedereinführung von Marktelementen neue Möglichkeiten der privaten Bereicherung hervorgebracht. Dadurch entwickeln sich neue Gruppen und Klassen mit eigenen partiellen Interessen. Die Bedingungen, den Sozialismus weiter aufzubauen und ihn zu verteidigen, sind heute so schwerer denn je.

Mehr denn je fehlt Kuba das sozialistische Lager von vor 1989. Viele Kubaner fühlen sich von der Welt allein und im Stich gelassen. Das ist Gift für das jetzt benötigte Durchhaltevermögen, den Kampfgeist und die Kreativität im Kampf gegen die Entbehrungen des Alltags unter den Blockadebedingungen. Die Solidarität (materiell, politisch und sei es durch symbolische Akte und Gesten) der Arbeiterklasse und der Völker der Welt mit der kubanischen Revolution ist das wirksamste Gegenmittel gegen das Gift der Verzweiflung. Es ist dringend, dass wir unsere Solidarität mit Kuba intensivieren. Es liegt auch an uns, ob die kubanische Revolution überlebt oder nicht.

1 Ein Tanker deckt 12% des monatlichen Bedarfs des Landes. Quelle: Granma Deutschland vom Juni 2026.
2 Von 4,0 auf 9,2 pro Tausend Lebendgeburten. Quelle: Granma Deutschland vom Juni 2026.