KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Kuba, (k)ein Beispiel für Selbstbefreiung?
Die Welt hält aktuell nicht, was die Epoche verspricht; kein Wunder, dass die kommunistische Bewegung großen Klärungsbedarf hat. Gut, dass auch die DKP darum ringt, sich diese Debatten anzueignen. Ein vom Parteivorstand aufgerufenes Thema ist die Frage des Kolonialismus und Antikolonialismus. Auf der Theoretischen Konferenz im Juni 2026 zeigte sich, dass es dazu innerhalb der Partei keine großen Meinungsunterschiede gibt: Natürlich gibt es heute einen Kampf um nationale Befreiung, und natürlich ist er ein Bezugspunkt für die deutschen Kommunisten.
Eine andere Antwort hätte auch überrascht, kämpfte doch zu diesem Zeitpunkt die Kubanische Revolution bereits seit fünf Monaten in einem seitens des US-Imperialismus unerbittlich geführten Wirtschaftskrieg um ihr Überleben. Eingeläutet wurde dieser durch die Militärintervention in Venezuela am 3. Januar 2026, bei welcher die venezolanische Landesverteidigung ausgeschaltet und der venezolanische Präsident Nicolás Maduro und seine Ehefrau entführt wurden. Unter anderem 32 kubanische Leibwächter ließen bekanntlich ihr Leben für Maduro, für Venezuela und für die Verteidigung der Souveränität der Länder Lateinamerikas.
Es wäre folglich ein passendes Thema für die Konferenz gewesen, darüber zu beraten, welche Bedeutung der Widerstand des kubanischen Volkes für unser Verständnis der Welt und für unsere eigene Strategie hat. Angesichts dessen war es erstaunlich, dass die Frage der nationalen Befreiung in Lateinamerika in der UZ auf ganz andere Weise eingeleitet wurde. Dort erschien am 27. März 2026 als zweiter Teil der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ ein Beitrag von Günter Pohl, der sich vornahm, die Geschichte von Kolonialismus und Antikolonialismus in Lateinamerika zusammenfassend abzubilden. Darin fand sich eine Erzählung der Geschichte Lateinamerikas als eines Kontinents, dessen Versuche, sich aus dem Kolonialismus zu befreien, im Laufe der Geschichte immer wieder gescheitert sind. Das macht der Autor daran fest, dass die „Ureinwohner“ des Subkontinents, also die Indigenen, bis heute keine Emanzipation erlebt hätten. Dementsprechend war der Artikel überschrieben mit: Bedingte Selbstbefreiung.1
Tatsächlich erzählt der Autor die Geschichte des Subkontinents in einem quasi identitätspolitischen Ansatz entlang der ethnischen Auseinandersetzung zwischen „Ureinwohnern“ (üblicherweise „Indigene“ genannt) und „Spaniern“ (mit der Unterform ihrer in Lateinamerika lebenden Nachfahren, den „Criollos“). Dabei gelangt er zu markanten Schlüssen: Der in Caracas geborene Simón Bolívar zum Beispiel sei ein Spanier gewesen, der die „Ureinwohner“ Lateinamerikas schon deshalb nicht befreien konnte, weil er nicht auf ihren Kontinent gehörte. Die Libertadores (deutsch: Befreier), zu denen neben Bolívar auch etwa Sucre oder Miranda zählen – Vorkämpfer des Kampfes um antikoloniale und später antiimperialistische Souveränität – werden dafür kritisiert, dass sie „in erster Linie sich selbst befreiten und dergestalt eigene Interessen bedienten“. Und nicht etwa die Interessen der Indigenen, wie es der Tenor des Artikels nahelegt.
Aber nicht nur die Anführer der Unabhängigkeitskriege fallen der Logik „hier Indigene – da Spanier“ zum Opfer. Auch der Kubanischen Revolution wird im genannten Beitrag kein nennenswerter Beitrag zur antikolonialen Geschichte attestiert. So hätten die Ureinwohner „keine guten Erfahrungen“ mit ihr machen können, denn „just im Land des weitestreichenden Versuchs von Gleichheit (Kuba) waren die Indigenen längst ausgerottet“. Abgesehen davon, dass die Annahme, in Kuba seien alle Indigenen „ausgerottet“ worden, längst wissenschaftlich widerlegt und ihre Wiederholung journalistisch fragwürdig ist, ist es natürlich prinzipiell wichtig und richtig, auf das Leid der „Ureinwohner“ hinzuweisen. Allein, eine fortschrittliche Position ergibt dies für sich genommen noch nicht.
Die Kritik an der Misshandlung, Ausbeutung und Vernichtung der indigenen Bevölkerung Lateinamerikas ist so alt wie die Eroberung des Kontinents. Der Pater Bartolomé de las Casas setzte sich schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts dafür ein, die Indigenen als Gotteskinder anzuerkennen. Seine Vision, an ihrer Statt aus Afrika herbeigeschleppte afrikanische Sklaven zu knechten, wurde kurz darauf bittere Wirklichkeit. Die Sklaverei entwickelte sich zu einem weltumspannenden System der ökonomischen, politischen und kulturellen Gewaltherrschaft. Sie prägte entscheidend die geschichtliche Entwicklung Lateinamerikas. Die Sklaverei bedeutete objektiv in Teilen Amerikas, auch seines südlichen Subkontinents, eine gewaltige Produktivkraftentwicklung und bahnte den Weg zum Übergang in kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse, beispielsweise in der Zuckerproduktion. Sie war einer der wesentlichen ökonomischen Grundpfeiler des Kolonialismus. Dementsprechend hatte der Widerstand gegen die Sklaverei das Potential, das System zu erschüttern. Nicht ohne Grund hielt Marx seinerzeit die Sklavenaufstände für „das Größte, was jetzt in der Welt vorgeht“.2
Auch 150 Jahre nach ihrer offiziellen Abschaffung haben die im Rahmen der Sklaverei begangenen Verbrechen in den ehemals kolonialisierten Gebieten Lateinamerikas bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Der Rassismus als Rechtfertigungsideologie der Sklaverei prägt bis heute die nachkolonialen Verhältnisse und ist ein stabilisierender Faktor des Imperialismus.
Eingezwängt durch den selbst auferlegten Dualismus von „Indigenen“ und „Spaniern“, erwähnt besagter UZ-Grundsatzartikel über den Kolonialismus in Lateinamerika die Sklaverei wiederum lediglich in einem Nebensatz. Mit ihr fällt auch der Befreiungskampf der Sklaven und ihrer Nachfahren, im heutigen Lateinamerika in ihrer übergroßen Mehrzahl Teil der Arbeiterklasse, unter den Tisch. Damit ist der Weg zu einem tieferen Verständnis von dem verstellt, was Befreiung im lateinamerikanischen Kontext ausmachte. Schließlich war der Widerstand gegen Sklaverei und Rassismus ein geschichtlicher Faktor der Kubanischen Revolution, deren Beginn aus kubanischer Sicht tief im 19. Jahrhundert anzusiedeln ist. Nicht aus Zufall gab der kubanische Vater des Vaterlandes Carlos Manuel de Céspedes mit dem Auftakt zum ersten Unabhängigkeitskriege gegen die spanische Krone am 10. Oktober 1868 „seinen“ Sklaven die Freiheit zurück und forderte sie auf, sich dem antikolonialen Kampf anzuschließen. Die sich daraufhin entwickelnde Unabhängigkeitsbewegung der Mambisen und ihrer Nachfolger in Kuba ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich der Kampf um nationale Unabhängigkeit mit dem Kampf gegen die Sklaverei und den sich entwickelnden Kapitalismus verbinden konnte – bei aller Widersprüchlichkeit, die in der Natur der Sache liegt. Aus dieser Geschichte stammt das Selbstverständnis der Kubanischen Revolution unter Fidel Castro (in der Logik des UZ-Artikels nur ein weiterer „Spanier“). Fidel hat die Auffassung geprägt, Kuba habe mit Blick auf die mit seiner Geschichte verknüpfte Sklaverei eine Schuld gegenüber dem afrikanischen Kontinent zu begleichen. Aus ihr leiteten sich internationalistische Missionen wie in Angola ab, die schlussendlich zur Abschaffung der Apartheid führten.
Ähnliche Überschneidungen findet man, betrachtet man die Ansätze zur Befreiung der Frau in der Kubanischen Revolution. Wenige Monate nach dem Beginn des ersten Unabhängigkeitskrieges versammelte sich in der Kleinstadt Guáimaro in der heutigen Provinz Camagüey die konstituierende Versammlung der Republik in Waffen und verabschiedete die erste Verfassung des freien Kubas. Die Kubanerin Ana Betancourt trat dort anknüpfend an die Befreiung aus der Sklaverei mit der Forderung nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter auf. Sie wird wie folgt zitiert: „Mitbürger! Hier waren wir alle Sklaven nach unserer Herkunft, unserer Hautfarbe und nach unserem Geschlecht. Ihr habt euch entschieden, die herkunftsbezogene Versklavung bis zum Tode zu bekämpfen. Ihr habt die Sklaverei nach Hautfarbe zerstört, indem ihr den Sklaven befreit habt. Es ist nun der Moment gekommen, auch die Frau zu befreien.“ Das zeigt, dass in der kubanischen Unabhängigkeitsbewegung ein umfassendes Verständnis von Befreiung herrschte.
Diese Art von Kämpfen und revolutionärer Subjektwerdung, bei denen Kategorien wie Unabhängigkeit, Souveränität, patriarchale Unterdrückung, Klassenkampf und Antiimperialismus im Mittelpunkt stehen, hat es an verschiedenen Orten Lateinamerikas gegeben. Doch nur in Kuba haben sie sich letzten Endes zu einer Bewegung entwickelt, welche in der Lage war, die Machtfrage zu stellen sowie ein nationales Gebiet von Imperialismus und kapitalistischer Ausbeutung zu befreien und nachhaltig zu behaupten.
Daher stellte der Widerstand Kubas insbesondere gegen den US-Imperialismus eine wesentliche Orientierung für die lateinamerikanischen Bewegungen gegen den Neokolonialismus dar. Auf der ganzen Welt haben Menschen, Parteien und Bewegungen erkannt, dass in Kuba derzeit eine Schlacht von weltweiter Bedeutung geschlagen wird. Auch in der UZ konnte man zu verschiedenen Gelegenheiten darüber lesen. Im scharfen Kontrast dazu steht besagter Grundsatzartikel, der sich zu der Aussage versteigt, Kuba könne „derzeit leider nur indirekt, als Objekt eines möglichen regionalen Solidaritätsaufbegehrens, zum Fortschritt beitragen“. Gerade in dieser historischen Situation der sich zuspitzenden Angriffe auf die Revolution wird Kuba in besagtem Artikel zu einem „Objekt“ gemacht, zu einem Opfer, das allenfalls auf nachbarschaftliches Mitleid hoffen kann.
Diese Position, von der die UZ auch auf spätere Nachfrage nicht abrücken wollte, steht, vorsichtig ausgedrückt, in einem Spannungsverhältnis zur auch von der DKP unterstützten Abschlusserklärung des 24. Welttreffens der Kommunistischen und Arbeiterparteien Anfang August 2026 in Havanna. Dort unterstrichen die anwesenden Parteien aus der ganzen Welt die Bedeutung der Ideen Fidel Castros als „unerlässlich“, um den kolossalen Herausforderungen der aktuellen Weltlage begegnen zu können. Vereinbart wurden fünf konkrete Aktionsfelder, von denen sich die ersten beiden explizit auf die Solidarität mit Kuba bezogen.
Es herrscht also offensichtlich große Einigkeit der Weltbewegung über die herausragende weltweite Bedeutung des Abwehrkampfes Kubas gegen die Angriffe des Imperialismus. Umso mehr verwundert die Beharrlichkeit, mit der die UZ einige Wochen zuvor Kuba partout nicht mehr als eine „regionale“ Bedeutung zuschreiben mochte. Der revolutionären Insel, die seit 1959 in der Praxis gezeigt hat, in welchem Ausmaß Befreiung möglich ist, attestiert die UZ, dass sie derzeit „nur indirekt“ zum Fortschritt beitragen könne. Interessant ist aber die Frage: Welcher andere Player könnte denn einen solchen direkten Beitrag zum Fortschritt leisten, zu dem Kuba angeblich nicht imstande ist? Offensichtlich scheint hier Regierungshandeln als der einzig denkbare Akteur von Befreiung übrig geblieben zu sein. Klassenkämpfe und Befreiungsbewegungen spielen in dieser Geschichtsschreibung Lateinamerikas keine erkennbare Rolle mehr.
Und hier kommen wir zurück zu der Frage: Warum eigentlich veröffentlicht die Wochenzeitung der DKP in einem Moment, in dem Kuba mit dem Rücken zur Wand steht, einen Beitrag, der die Bedeutung der Kubanischen Revolution in Lateinamerika und darüber hinaus relativiert?
Die Antwort findet sich möglicherweise in der Vorstellung von dem Weg aus der kolonialen Abhängigkeit Lateinamerikas, der in besagtem Artikel angedeutet wird. Hier ist von einem „weltweiten Aufbruch zu einer multipolaren Ordnung“ zu lesen. Aus lateinamerikanischer Perspektive scheint dieser irgendwie von außen zu kommen. Genaues erfährt man nicht. Der Artikel lässt sich so lesen, dass Widerstand der Unterdrückten Lateinamerikas selbst zwecklos ist – und zugleich überflüssig, denn Lösungen sind nicht von ihnen selbst, sondern von außen zu erwarten. Dieses Szenario einer Rettung der Unterdrückten – Indigene oder nicht – als Ergebnis eines von außen kommenden Regierungshandelns findet sich auch im Tenor einiger programmatischer Überlegungen, die aktuell in unserer Partei angestellt werden.
Die Hoffnung darauf, dass die Erlösung eines Tages aus dem Morgenland komme, lässt sich möglicherweise damit erklären, dass sich das revolutionäre Subjekt in unserem Land in einem recht ramponierten Zustand befindet. Es ist verständlich (wenn auch politisch fehlleitend), dass man, wenn man sich und den seinen Lösungen nicht mehr zutraut, den Blick in die Ferne gleiten lässt. Kommt man allerdings aus einer solchen Haltung heraus mit der erstaunlich lebendig-optimistischen Kubanischen Revolution in Berührung, kann es zu Verstörungen kommen. Nicht nur, dass der fortgesetzte Widerstand der kubanischen Bevölkerung und ihrer Partei gegen die Vernichtungsstrategie beeindruckt. Er zeigt auch, dass in Kuba weiterhin der Gedanke aus der Internationale gilt: „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“ Und Kuba bleibt keine andere Wahl, als sich selbst zu erlösen, denn von besagtem Aufbruch der Länder des Globalen Südens war im für Kubas Revolution existentiellen Jahr 2026 bislang wenig zu spüren.
Im Gegenteil, das Beispiel Kuba macht sichtbar, dass Revolutionen, die diesen Namen verdienen, auch heutzutage von der Kampfbereitschaft der eigenen Klasse getragen werden müssen – bei Strafe des eigenen Untergangs. Und so schwankt die Haltung der UZ zwischen einer aufrichtigen Solidarität mit Kuba und einer verstörten (und verstörenden) Distanzierung, weil das, was in Kuba geschieht, nicht recht in die eigene, in Renovierung befindliche Weltauffassung passt.
Falls man mir vorwerfen möchte, ich solle bitte mit derlei Kritiken das Gespräch mit der Zeitung suchen, die sie betrifft: Der Abdruck meines Leserbriefes zu besagtem UZ-Grundsatzartikel wurde abgelehnt. Das Argument: Mein Kommentar entspräche nicht der Position der Redaktion. Diese sähe sie im kritisierten Beitrag allerdings zutreffend abgebildet. Ich glaube nicht, dass die UZ-Redaktion den bürgerlichen Unfug nicht wahrgenommen hat, den der besagte Artikel schleudert, und ich unterstelle ihr auch nicht, dass sie die Entsolidarisierung von Kuba mitträgt, auf die er hinausläuft. Ich vermute, der hier analysierte Artikel zeichnet sich aus Sicht der Redaktion dadurch aus, dass er den Weg zu den gewünschten Schlussfolgerungen öffnet: Segen der multipolaren Welt, Heilsbringer China, Vorrang der nationalen bzw. Menschheitsfragen vor Klassenkämpfen. Ob so eine Diskussion aussieht, welche die kollektive Weisheit der Partei entfaltet? Man darf es bezweifeln. Beziehungsweise, man darf es nicht.
In jedem Fall gratuliere ich den KlassenFragen nachträglich zur ersten Ausgabe, denn ich fürchte, die Partei braucht sie.
1 https://www.unsere-zeit.de/bedingte-selbstbefreiung-4812963/#more-4812963
2 Marx an Engels, Brief vom 11. Januar 1860 (MEW 30: 6)