KlassenFragen Ausgabe 2 / Oktober 2026
Die große Neuetikettierung
Nation statt Klasse, Staat statt Sozialismus. Domenico Losurdo interpretiert Klassenkampf und Kommunismus um.
»Zuweilen trat (…) eine Unterernährung der revolutionären Phantasie ein und eine bequeme, nämlich schematisch-praktizistische Verringerung der Totalität« (Ernst Bloch)
Die politische Ökonomie (und deren Kritik) ist den allermeisten Linken der Gegenwart das, was vielen Schülern die Mathematik: Sie langweilt, nervt, bleibt unverstanden. Ohne aber wenigstens rudimentäre Kenntnis von ihr (also der politischen Ökonomie; Mathematik wäre auch nicht schlecht) ist kein Verständnis von bestehenden Weltverhältnissen zu haben, und ohne solches Verständnis vom Verhältnis bloß ungenauer Maßstab der Kritik an ihnen und fehlerhaftes Richtmaß der Praxis gegen sie. Das gilt indes nicht minder für die Beurteilung der (jüngeren) Vergangenheit.
Das Ende des kurzen 20. Jahrhunderts war gleichbedeutend mit dem Ende des Sozialismus, wie er in einem erheblichen Teil der Welt für genau diesen Zeitraum zwischen 1917 und 1991 real geworden war. Für seine danach heimatlos gewordenen Anhänger blieben verschiedene Weisen des Umgangs mit dieser Niederlage. Erstens der Rückzug ins Private. Zweitens der Übertritt ins Lager der Sieger mit der Erklärung, man habe sich einmal an der Tür geirrt, sei jetzt aber ganz sicher an der richtigen Adresse – Überläufer, Renegaten, Opportunisten, you name it. Drittens aber: standhaft bleiben, weitermachen. Doch wie?
Zerrüttet, wie sie waren, dezimiert und voll der Zweifel über das Woher und Wohin, begegnete der italienische Philosoph und Ideengeschichtler Domenico Losurdo den übriggebliebenen Kommunisten in Europa um das Jahr 2000 in einem Essay mit der sehr nachdrücklich vorgetragenen Feststellung, sie hätten keinen Grund, sich ihrer Geschichte zu schämen, sondern sollten vielmehr ein selbstbewusstes Verhältnis zur Vergangenheit ihrer Bewegung entwickeln. Losurdo geriet daraufhin in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 2018, aber auch darüber hinaus, zumindest für ein deutsches Publikum kommunistischer Provenienz zu einer Referenz, zu einer Anrufungsinstanz, wenn es darum ging, den eigenen Standpunkt bei der Beurteilung der jüngeren Vergangenheit, aber nicht zuletzt auch jener der Gegenwart zu untermauern.
Ein Beitrag zum historischen Selbstbewusstsein
Der besagte Essay, der zuerst in der italienischen Zeitschrift L’Ernesto erschien und dann in deutscher Übersetzung unter dem Titel »Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass« in mehreren Teilen in der jungen Welt, sollte also der Erbauung dienen und Verzagtheit vertreiben. Losurdo würdigt in seiner Verteidigungsschrift die historische Rolle der Sowjetunion im Kampf gegen den Nazifaschismus und gegen den Kolonialismus und weist darin eine an ernsthafter Aufarbeitung desinteressierte Dämonisierung der Stalin-Zeit zurück. Man kommt nicht umhin, den dahinterstehenden Anspruch und zentrale Aussagen wie die genannten zu loben. Die Art der Verteidigung allerdings weist eine Reihe von Merkwürdigkeiten auf, die als Muster auch in nachfolgenden Schriften erkennbar werden.
Auffällig ist zunächst, dass Losurdo sich für die Geschichte des Sozialismus, präziser: die der sozialistischen Staaten recht eigentlich gar nicht interessiert. Ökonomische Probleme des Sozialismus sind eine Kategorie, die in dieser Schrift wie im gesamten Oeuvre des Italieners im Grunde keine Rolle spielt. An die Stelle der Erörterung von Plan und Markt, Wert und Warenproduktion unter nichtkapitalistischen Produktionsverhältnissen treten auch nicht etwa politikgeschichtliche Erwägungen im engeren Sinne, sondern ideologiekritische Aspekte. Nach solcher Darstellung wird der Ideologie explizit ein höherer Rang bei der Erklärung von Nieder- und letztlich Untergang der sozialistischen Staaten des Warschauer Vertrags eingeräumt als der ökonomischen Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem kapitalistischen Ausland oder auch politischen Entscheidungen der kommunistischen Führungsmannschaft.
Losurdos Ansatz hatte also von Anfang an idealistische Schlagseite, ihm fehlt, vom anderen Ende her betrachtet, das materielle Fundament. Man mag zu seiner Verteidigung ins Feld führen, dass es dafür andere gibt, sein Terrain sei nun mal die Ideengeschichte, doch für einen Marxisten ist der Einwand erstens nicht statthaft, und falls darüber hinweggesehen werden sollte, bleibt zweitens zumindest der Befund, dass „Flucht aus der Geschichte“ als Niederlagenanalyse nichts taugt.
Wozu aber dann? Losurdos Anspruch, den Kommunisten den „Selbsthass“ auszutreiben, folgt einer Masche, die sich durch sein ganzes späteres Schaffen hindurchzieht. Kurt Gossweiler hat das gelegentlich seiner sehr umfangreich geratenen Kritik am hier in Rede stehenden Essay so formuliert: Der Italiener verteidige die Sowjetunion und ihre Führer »wie ein Anwalt, der etwa so argumentiert: ›Aber bedenken Sie, dass die Gegenseite mindestens ebenso schlimm, wenn nicht noch schlimmer ist, und bedenken Sie ferner, wieviel Gutes meine Mandanten vollbracht haben!‹«1
Man kann diese Vorgehensweise, ein vornehmes Wort wäre Komparatistik, in der Folge immer wieder beobachten. Wer Losurdos 2012 in deutscher Übersetzung erschienenes Buch »Stalin. Geschichte einer schwarzen Legende« zur Kenntnis nimmt, erfährt auffallend wenig über die nicht gerade ereignisarme Geschichte der Sowjetunion zwischen 1927 und 1953, bekommt dafür aber einen impliziten Leitsatz präsentiert, der salopp formuliert ungefähr so geht: Schlimme Vergehen, die hat’s in dieser Zeit schon gegeben, aber die da im imperialistischen Lager mit ihren Kolonialverbrechen, die stehen auch nicht besser da – vergleichende Verbrechensgeschichte.
Kritik des Liberalismus
Die Suche nach den Sünden der anderen bringt allerdings die starke Seite im Schaffen von Losurdo zum Vorschein. Kaum jemand dürfte den tiefen Abgrund zwischen dem bis in heutige Zeit kolportierten Mythos von den menschheitsbeglückenden Segnungen des Liberalismus seit seinem Anbeginn und den ganz realen Schädelstätten, die in seinem Namen in den vergangenen gut 200 Jahren angehäuft worden sind, so gründlich durchmessen haben wie der italienische Philosophiehistoriker. Das Material, das er dabei heranschafft, entlarvt das Mindset etlicher gefeierter Vorzeigedenker, denen die universellen Menschenrechte des liberalen Zeitalters eine ziemlich exklusive Angelegenheit für weiße Männer war, die nicht nur den Ausschluss der übrigen rechtfertigten, sondern auch die Versklavung der und die Massaker an den Völkern der Kolonien.
So erhellend dieser Ansatz für die Beurteilung der Epoche des Liberalismus, so begrenzt zur Klärung der Geschichte der kommunistischen Bewegung. Als Methode ist er im Wesentlichen Ablenkung oder, um einen in jüngerer Zeit recht gebräuchlichen Terminus zu verwenden, Whataboutism: Ich spreche von den anderen, um es von den eigenen nicht tun zu müssen.
So, wie dieser Modus der Gegenüberstellung kaum geeignet ist, der Dynamik gesellschaftlicher Ordnungen auf den Grund zu gehen, so sehr irritiert ein anderes wiederkehrendes Muster, das sich bereits im Aufsatz des Jahres 2000 findet und eine Spur legt zum Kern des politisch-historischen Standpunkts von Losurdo. Es ist bereits erwähnt worden, dass er ideologischen Fragen den Vorrang erteilt bei der Ergründung der Ursachen des großen Kollaps der sozialistischen Staaten. Die hätten sich nämlich als unfähig erwiesen, »die eigene Geschichte zu bilanzieren und die eigene Ideologie gründlich zu überdenken: ihre Führer versicherten immer wieder und wieder, man schreite rasch voran auf dem Weg zur Verwirklichung des Kommunismus – eines Kommunismus, der auf die phantastische Art verstanden wurde, die oft die uns von Marx und Engels überlieferte Definition charakterisiert«.2
Phantastischer Kommunismus bei Marx und Engels? Losurdo rekurriert hierbei auf die Andeutungen, die beide in der zur Veröffentlichung gar nicht vorgesehenen Frühschrift unter ihrem späteren Titel »Deutsche Ideologie« zu einer künftigen kommunistischen Gesellschaft und zum Absterben des Staates geben. Was immer dazu noch zu sagen wäre, ignoriert er interessanterweise reifere Ausführungen beider, etwa in Marxens »Randglossen« oder in Engels’ »Anti-Dührung, ebenso wie diesbezüglich Lenins »Staat und Revolution«. Dieses von ihm ausgemachte falsche Verständnis von Kommunismus jedenfalls soll das eigentliche Problem, der Untergangsbooster gewesen sein: ”Die sowjetischen Führer beteten wieder und wieder ihre ermüdende Leier von der Ankunft des Kommunismus der oben geschilderten phantastischen Sorte herunter. Und derartige Litaneien hatten ihrerseits sehr nachteilige Auswirkungen auf die Ökonomie: Die bereits offenkundigen Rückstände und Ungleichgewichte hätten energische Eingriffe zur Erhöhung der Arbeitsproduktivität erfordert; doch die Lösung dieses Problems wurde gewiss nicht erleichtert durch die Ansicht, man befinde sich auf dem Weg zu einem auf allgemeinen Müßiggang ausgerichteten Kommunismus, und auch nicht durch das verbreitete ideologische Klima, in dem jeder Anlauf zur Rationalisierung des Produktionsprozesses als ›Restauration des Kapitalismus‹ gebrandmarkt wurde. Wenn es einen Kollaps in Osteuropa gab, so war dieser weit mehr ideologischer als ökonomischer Natur«.3
Kommunistisches Selbstbewusstsein ohne Kapitalismuskritik?
Es sei dem Leser überlassen, über solche Sätze zu urteilen; es kann hier jedenfalls nicht der Ort sein, jede einzelne fehlerhafte Aussage in diesen Zeilen zu korrigieren. Entscheidend in diesem Kontext ist hingegen: Die Figur eines angeblich überspannten und irreleitenden Messianismus in der kommunistischen Bewegung, der zu bekämpfen sei, wolle diese Bewegung auch in der westlichen Hemisphäre wieder auf die Beine kommen, findet sich beinahe durchgängig bis in die letzten Veröffentlichungen Losurdos. Das sind vor allem die in deutscher Übersetzung erst posthum erschienenen Bände »Der Kommunismus, Geschichte, Erbe und Zukunft« (2023) sowie »Der westliche Marxismus. Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte« (2021).
In der erstgenannten Schrift macht Losurdo sich nicht die Mühe zu definieren, was Kommunismus für ihn ist: eine Bewegung, ein Ziel, ein gesellschaftlicher Zustand oder ein intellektueller Standpunkt. Frappierend ist auch hier die völlige Abwesenheit der Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie wie auch der Verzicht auf die Geschichte des realen Sozialismus, auf dessen Leistungen und Widersprüche, auf dessen Grenzen und Verfehlungen. Und berücksichtigt, dass die kommunistische Bewegung ein Derivat der Arbeiterbewegung ist, und die wiederum deren Adressat, dass also von Kommunismus als Bewegung nicht zu reden geht, ohne von dem zur »Klasse für sich« formierten Proletariat etwa ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa zu reden, ist das Interesse an dieser Arbeiterbewegung verblüffend gering (das gilt im Übrigen auch für das 2016 auf Deutsch erschienene Buch »Der Klassenkampf«). Statt dessen erneut die Extrapolation des als problematisch erachteten Messianismus: also überspannte abstrakte und utopische Vorstellungen von den Dingen nach der Revolution – die Abschaffung des Staates und damit auch das Verschwinden nationaler und staatlicher Grenzen. Dies sei eine gleichsam religiöse, fanatische und deshalb törichte Vorstellung: »Weil alle materiellen und objektiven Voraussetzungen für die Verwirklichung dieser gänzlich neuen Welt, die da beschworen und gefordert wird, fehlen, wird das Subjekt, die das Wunder vollbringen soll, in höheren Wesen erblickt.«4 Wer die sein sollen, bleibt indes das Geheimnis von Losurdo. In diesem Zusammenhang jedenfalls wird der Kommunistischen Internationale vorgeworfen, sie habe sich als »bolschewistische Weltpartei aufgespielt«, die nicht fragte »nach der Gefahr, dass ein solcher überspannter Internationalismus, der mit Geringschätzung auf Grenzen und nationale Identitäten blickte (…) , in die Verherrlichung und die Weihe einer ›Musternation‹ (…) münden würde«.5 Und diese »Musternation« wiederum verletzte später »das enge Prinzip des Respekts der nationalen Souveränität«, das »durch den proletarischen und kommunistischen Internationalismus überwunden worden« sei. »Es war dies eine These, die de facto das Recht der UdSSR zur brüderlichen Intervention in diesen oder jenen Bruderstaat bestätigte. Und auch hier kehrte sich (…) der vorgebliche Internationalismus wieder in Großmachtchauvinismus um.«6
Nationale Souveränität vs. Internationale Solidarität
Tatsächlich wäre sehr ernsthaft die Frage zu diskutieren, ob die kommunistische Bewegung zum Anhängsel der Außenpolitik der Sowjetunion verkümmerte und ob mit Recht die Rede von Großmachtchauvinismus zu gehen hat, wenn zu befürchten stand, dass die Entwicklungen in den betreffenden Ländern Ungarn und ČSSR 1956 beziehungsweise 1968 eine offen konterrevolutionäre Richtung nahmen, die den gesamten Block sozialistischer Staaten hätten gefährden können. Aber wieder einmal fehlt bei Losurdo auch nur ansatzweise eine Auseinandersetzung mit solchen Fragen. Da nun auch nicht zu erfahren ist, wie ein nicht überspannter proletarischer Internationalismus auszusehen hätte, muss unterstellt werden, dass er auf dieses Prinzip der kommunistischen Bewegung nicht allzu viel gibt. So ist denn auch das vielleicht größte Ereignis der internationalen Solidarität – die Verteidigung der Spanischen Republik durch Internationale Brigaden – eine einzige Leerstelle, sind mithin hervorragende Spanienkämpfer aus Italien, Leute wie Giovanni Pesce, Francesco Leone oder Luigi Longo in Losurdos Schaffen Abwesende.
Sein Fluchtpunkt ist nicht die internationale Solidarität, sondern die Nation, wovon denn auch ausgiebig in »Der westliche Marxismus« erzählt wird. Bereits die Anlage der Schrift ist problematisch: Als Vertreter des westlichen Marxismus fungieren samt und sonders Intellektuelle, die mal tatsächlich Marxisten sind – Ernst Bloch, Georg Lukács, Walter Benjamin –, mal solche, von denen auch nach erheblichem Biegen und Brechen nicht herauskommt, dass sie Marxisten sind – Maurice Merlau-Ponty, Max Horkheimer, Simone de Beauvoir, Hannah Arendt –, von denen dann aber mit Leichtigkeit gesagt werden kann, sie argumentierten nicht gerade sehr marxistisch – die Masche mit den Pappkameraden. Niemals aber werden Repräsentanten der kommunistischen Bewegung aus westlichen Staaten angerufen. Umgekehrt wird der »östliche Marxismus« ausschließlich von Staatsmännern repräsentiert, Führern einer befreiten Nation, die zugleich der jeweiligen Partei vorstehen – Mao oder Ho Chi Minh. Und den zitiert Losurdo zustimmend so: »Was mich eigentlich drängte, an Lenin und die Dritte Internationale zu glauben, war der Patriotismus, nicht der Kommunismus.«7
Wäre es übertrieben zu sagen, dies ist das Leitmotiv von Domenico Losurdo? So schreibt er: Seit dem »Entsetzen über das Blutbad des Weltkrieges«, gemeint ist der erste, »der von der einen wie der anderen Seite offiziell im Namen der Verteidigung des Vaterlands geführt wurde«, habe sich »in breiten Kreisen des westlichen Marxismus ein exaltierter und abstrakter Internationalismus« verbreitet, »der dazu neigt, die nationale Frage für überwunden zu halten und folglich die nationalen Befreiungsbewegungen der Kolonialvölker zu delegitimieren (ein indirekter Ausdruck des prowestlichen Chauvinismus)«.8 Man wird schwerlich entgegenhalten können, dass diese Behauptung bloß ausgedacht sei, sie trifft einen wahren Kern. Problematisch aber ist die Vereinseitigung, die zu einer Neuetikettierung führt. Was ist damit gemeint?
Losurdo spricht von einer »verhängnisvollen zeitlichen und räumlichen Amputation des Marxismus«, die zu revidieren die »Marxisten im Westen« nicht fähig sein werden, wenn sie »die Beziehung zur weltweiten antikolonialen Revolution (oft angeführt von kommunistischen Parteien) nicht wiederherstellen, jener Revolution, die der Hauptinhalt des 20. Jahrhunderts war und weiterhin eine wesentliche Rolle in dem Jahrhundert spielt, in das wir inzwischen eingetreten sind«.9 Von der Oktoberrevolution ging demnach nicht das Signal zum Aufbau des Sozialismus aus, sondern das Signal der Befreiung vom kolonialen Joch. Oder in seinen Worten: »Es geht darum, die koloniale Unterwerfung zu beseitigen, um einen unabhängigen Nationalstaat aufzubauen: Was die Revolution der Kolonialvölker zu inspirieren vermag, ist nicht die Parole eines ›Staates auf dem Weg seiner Auflösung‹, sondern eines Staates auf dem Weg seiner Bildung.«10
Umdeutung der Begriffe
So, wie Losurdo zutreffend darauf verweisen kann, dass es im Westen Theoretiker der Linken gibt, die den Anteil des Oktobers an den antikolonialen Befreiungsbewegungen und wiederum deren (progressiven) Nationalismus geringschätzen, so sehr vereinseitigt er seinerseits die ganze Angelegenheit, nur eben in die entgegengesetzte Richtung, oder anders gesagt: auch seine Argumentation ist amputiert – nicht mehr die Proletarier aller Länder und die unterdrückten Völker sollen sich hier vereinigen, sondern bloß noch die Letztgenannten. An die Stelle des Klassenkampfs tritt der nationale Befreiungskampf, an die Stelle des Aufbaus des Sozialismus der Aufbau autonomer Staatlichkeit innerhalb der befreiten Nationen. Unter dem Gesichtspunkt der historischen Verlaufsformen wird man zwar sagen können, dass Losurdo die Geschichte vordergründig auf seiner Seite hat, denn eines der Ergebnisse der antikolonialen Revolution – wenigstens formal unabhängige Nationalstaaten – hat Bestand, die der sozialistischen sind weitgehend beseitigt.
Problematisch daran ist aber, dass er sich ausdrücklich an ein kommunistisches oder marxistisches Publikum richtet, dem ein ganzer Sack voller Flausen auszutreiben sei, und zu diesem Zweck die angedeutete Neuetikettierung betreibt bis hin zu den Buchtiteln: »Der Klassenkampf« handelt über weite, weite Strecken von der nationalen Frage, deren Lösung kurzerhand zu einer Form des Klassenkampfes erklärt wird. »Der Kommunismus« wiederum beschäftigt sich nicht mit dem, was gemeinhin unter Kommunismus verstanden wird, sondern wiederum mit der antikolonialen Revolution und den Verbrechen im Namen des Liberalismus. Die Erzählung erhält neue Parameter, allerdings unter den althergebrachten Namen.
Dabei wird gar nicht nach Qualität und Richtung gefragt: Der erfolgreiche antikoloniale Kampf ist eine Emanzipation von imperialistischer Unterjochung – einfache Negation. Doch Emanzipation zu welchem Ende hin? Es geht Losurdo um die Anerkennung der Nationen als souveräne und gleichberechtigte. Wie die befreiten Nationen das anstellen, also unter welchen Produktionsverhältnissen sie sich ihren Erfolg sichern, ist gleichgültig. So rückt denn das Motiv der Entwicklung der Produktivkräfte in den Mittelpunkt der von einer befreiten Nation zu bewältigenden Aufgabe. Was nun ganz real bedeutet, dass diese Emanzipation im wesentlichen neue Nationalstaaten auf kapitalistischer Grundlage geschaffen hat, die den bereits existierenden mal mehr, mal weniger erfolgreich als Konkurrenten um Anteile auf dem Weltmarkt begegnen.
Den Ausgangspunkt beziehungsweise die Betrachtungsebene bildet hier ausschließlich die jeweilige politische Tat, die objektive Dynamik des Kapitals ist hingegen, wir wissen es bereits, eine Unbekannte. Losurdo kennt nicht den negativen Universalismus des Kapitals, des großen Gleichmachers globaler Verhältnisse der Ungleichheit. Er weiß nichts von der Dialektik der übergreifenden Einheit von Vereinheitlichung und Spaltung: Die Welt zerfällt in ein Pluriversum von Staaten, die einander im Modus der Konkurrenz begegnen. Die Schaffung des Weltmarkts aber ist der vereinheitlichende Prozess – sukzessive wird der gesamte Planet in einem Zeitraum von Jahrhunderten nach den Gesetzen des Kapitals geformt. Gegen dieses unerbittliche Regime war die Oktoberrevolution der erste Ausbruchsversuch von Dauer. Und dazu gehörten unzweifelhaft die antikolonialen Revolutionen, aber eben nur in ihrer Verbundenheit mit dem Sozialismus im Aufbau.
Keine Hilfestellung
So bleibt ein Befund: Losurdos Schriften liefern keine Hilfestellung in der Debatte zur Bestimmung des gegenwärtigen Imperialismus und geben auch keine befriedigende Antwort auf die Frage, was Sozialismus war, ist und sein könnte beziehungsweise sein sollte. Gleichwohl ist Losurdo so etwas wie ein intellektuelles Maskottchen innerhalb einer geschwächten kommunistischen Community in Deutschland. Die positive Rezeption bringt aber implizit mit sich, dass für Kommunisten entscheidende Parameter entweder ignoriert oder brutal verbogen werden müssen. Imperialismus ist dann kein politökonomisches Weltverhältnis mehr, sondern die 500jährige Eroberungs- und Unterwerfungsgeschichte eines »Kulturraums« (der Westen), Sozialismus nicht mehr Anspruch und Versuch, andere gesellschaftliche Verkehrsformen zu etablieren, deren gesellschaftlicher Reichtum nicht mehr auf Ausbeutung der Ware Arbeitskraft beruht und deren Bewegungsprinzip nicht mehr der potentiell unendliche und unendlich expansive Prozess der Kapitalakkumulation ist, sondern Sozialismus ist dann der Versuch, ehedem kolonialer oder halbkolonialer Nationen, ihren Weg der Emanzipation von eben jenem »Westen« zu beschreiten, ganz gleich ob die dabei gewählte ökonomische Form nun kapitalistisch, sozialistisch oder sonst wie genannt wird.
Losurdo erzählt eine beeindruckende Geschichte von Unterdrückung und Emanzipation, und diese Geschichte hat epochale Bedeutung bis hin zu den welthistorischen Verschiebungen der heutigen Zeit. Sein Zugriff auf diese Veränderungen ist aber idealistisch, nicht historisch materialistisch. Seine Welt ist im Wesentlichen die der intellektuellen Kontrahenten. Das kann erhellend sein. Als Generalansatz zur Klärung der Geschichte der kommunistischen Bewegung langt dieser Weltzugriff daneben und wirkt für deren Selbstverortung ziemlich desorientierend.
1 Kurt Gossweiler: Genosse Domenico Losurdos »Flucht aus der Geschichte« – Kritische Anmerkungen. In: Offen-siv – Zeitschrift für Sozialismus und Frieden, Heft 10/2001; siehe auch: https://kurt-gossweiler.de/genosse-domenico-losurdos-flucht-aus-der-geschichte-2001/
2 Domenico Losurdo: Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass”. Marxistische Blätter, Flugschrift 01, Essen 2000, S. 37
3 Ebd., S. 38
4 Domenico Losurdo: Der Kommunismus – Geschichte, Erbe und Zukunft, Köln 2023, S. 168
5 Ebd., S. 180
6 Ebd., S. 194
7 Domenico Losurdo: Der westliche Marxismus – Wie er entstand, verschied und auferstehen könnte, Köln 2021, S. 28
8 Ebd., S. 49
9 Ebd., S. 249
10 Ebd., S. 24